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Home … Magazin … Attacke Azteka

Linkes Auge hinkt: Prolog

11.05.2012 | Autor: airen | in: Allgemein, Attacke Azteka

Buch des Bloggers Steinbart in Zusammenarbeit mit der Grafikerin Ramona Heiligensetzer. Geschaffen aber nicht veröffentlicht. Produziert aber nicht gesigned. Es gibt ein paar Exemplare.

Das Vorwort.

„Wenn ich nur Trommelwirbel schreiben könnte.“ – Steinbart

Ist Steinbart Techno? Er ist vielleicht nicht genau Techno, aber er ist Aphex Twin. Er ist elektronisch, schnell und verkopft, er ist ultrakühl und postmodern mit weiten Gefühlsflächen dazwischen.
Ist Steinbart Expressionismus? Er ist nicht gerade das, aber er ist Dalí. Er findet in jeder Realität das Irreale, er heilt uns von der Gewöhnung an den Irrsinn, indem er das Abstruse sichtbar macht.

Dalí, Aphex Twin, auf jeden Fall ganz viel Psychedelika. Seine Bilder sind schön und überbunt auf den ersten Blick, beim zweiten explodiert ihr Sinn und drückt sich über den Hals Richtung Magen.
Die Figuren die er beschreibt, die ganze Welt die er sieht: Alles Aliens. Es scheint, Steinbart sei der letzte vernünftige Mensch auf dieser Erde. Denn er ist kein Außerirdischer. Die Welt ist einer.

Eine intensive Langsamkeit, eine überwache Klarheit, die den Autor krank macht, ganz klar, und nach der man sich beim Lesen sofort sehnt, für einen Augenblick. Dann wird ein Verzerrer aufgedreht und alles wird nur noch kaputter, Augen werden ausgekratzt, Wunden klaffen, Blut fließt, Steinbart sinkt auf die Knie und weint und verzweifelt und fleht den Himmel an, aber der ist wolkenverhangen und antwortet nicht. Steinbart wartet auf den Mond, schreibt dann. Es ist die Heimeligkeit, mit der man aus einem Rattenloch auf die Postapokalypse blickt. Verzweiflung ob des Irrsinns, der nun also wirklich unsere Realität ist. Die Wahrnehmung ist auf superfein eingestellt und jedes Wispern ein lauter Schrei.
Es wird nie kryptisch, nein, der Empfängliche versteht diesen Text sofort und spürt ihn dort, wo er noch gar nicht wusste, dass da etwas ist. Er macht dem Leser also den Weg frei zu Orten, die schon immer dort waren, ein Entdecker also? – Nein, denn es war ja alles schon immer da, genau so ist es ja wirklich. Eine Droge also, so stark, wie man es von Literatur noch gar nicht gewohnt ist, ja, es flasht, es haut einen Zeile für Zeile von den Füßen.

Steinbart schwitzt, zittert, blutet, hyperventiliert und scheidet dabei textliche Diamanten aus. Er legt den Finger in die Wunde und entzündet sie bis sie eitert.

Man kann dieses Buch nicht durchlesen. Diese Texte sind Mantras und Meditationen, sie haben eine Intensität, mit der Gehirne nur für zwei, drei mentale Explosionen Schritt halten können. Dann lehnt man sich zurück und sieht mit anderen Augen auf diese Stadt.

Die Stadt, immer wieder die Stadt. Seine Welt ist das graue, kühle Berlin, die schreiende Melancholie der Postmoderne. In ihren guten Momenten hat die Musik das schonmal gekonnt. Doch, Steinbart ist Techno.


Steinbarts Blog

Steinbarts Buch

postamt(at)linkes-auge-hinkt.de

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Die Blaue Stunde

07.05.2012 | Autor: airen | in: Allgemein, Attacke Azteka

Afterhour. Die längste Stunde des Feiertags. Wir sind alle Brüder geworden heute Nacht, und in jedem steckt noch ein kleiner Splitter Musik. Er glänzt in unseren Augen, schiebt in unserem Nacken, klopft im Kiefer und knallt im Herzen. Mit feinen Fäden zuckt der Beat an unseren Gliedern, lässt nicht los, seit er uns eingefangen hat gestern Nacht, und mit zarten Zungenschlägen liebkosen die Bässe im fahlen Tageslicht unsere Eingeweide. Wir sind hängen geblieben.

Wir sind wach, wir können noch, wir machen weiter. We´re going down to: LaLaLand. And it´s something ´bout those little pills, das uns nochmal Kraft gibt, an einem dieser Morgende aus Kristall. Wenn andere sich erschöpft dem anbrechenden Tag ergeben, wenn sie dem Anstand eine letzte Gefälligkeit erweisen und geschwächt und gebrandmarkt zu ihren Betten kriechen, wenn aber auch schweigend und klar die Stadt erwacht und Luft in den Haaren blonder Kinder spielt, dann eröffnet sich dem Feierschwein ein letztes, ein verbotenes Reich: Das verschmutzte Tor in die Afterhour- Galaxie, die endgültige Ausfahrt in den Absturz.

„Jetzt – gehts – los!“. Ein Verpeilter zieht ruckartig einen Schein aus der Nase und kommt erst mal gar nicht auf den Sound klar. Sowas von geil. Der Verpeilte ist noch im Club, dem Verpeilten kanns gar nicht wild genug zugehen, der Verpeilte hat noch von Allem was da, der Verpeilte ist immernoch allerfeinste Sahne am Abfeiern, Alter. Er ist vielleicht gerade erst gekommen oder er hat sich wirklich die Nacht brutal konsequent eingeteilt, jedenfalls hat er gerade allerhärtesten Spaß und sein Hirn schon ein paar Spülgänge hinter sich. Der Verpeilte labert, der Verpeilte lernt Leute kennen, der Verpeilte schmeisst Bongs um, der Verpeilte nervt die Nichtverpeilten. Und wenn der Verpeilte den Sound lauter macht, geht die Afterhour in ihre nächste Runde.

Denn der Sound wippt und alle wippen mit. Ein ganz eigener Film rollt an und dreht den Tag zu einem fliegenden Seidentuch im Wind. Nachtgestalten schweben auf Sonnenbrillenflügeln aus Clubs und in Clubs, in Vorgärten und Hinterhöfe, unter Röcke, in Kabinen, an Seen und in vor Clubs geparkte Autos. Die Außenwelt darf noch auf gar keinen Fall reinkommen. Nur der Beat und einmal künstliche Energie, bitte, große Brillen und die Sonne ist nur Deko. Noch eine? – Logen. Wer jetzt noch trockene Haare hat, hat geschummelt. Der Sound kommt aus dem Radio, von einer coolen Station. Wir drehen am Regler und hören: Dance, dance, dance. Noch immer thront der Beat frech im Hypothalamus. Welten und Leben sind seit dem letzten Aufstehen vergangen.
Irgendwo klingelt ein Handy

Fleckige Küchen, hastig überfüllte Balkons, die nun im leisen Radiosound in der Sonne stehen, verranzte Sofas in vermüllten, hellen Wohnungen, Afterhourclubs. Das sind die Orte des Morgens. Afterhourclubs. Wo alle nur noch wegen einem da sind, wegen einem auf den Toiletten sind, wo irgendein verrücktes Gesetz erlaubt, dass hier am hellichten Tag noch immer Nacht gespielt werden darf. Dass man die feinen Plastikhaare auf den Boxen sehen kann. Dass sich auch bei Tag keiner zu schämen scheint für diesen Clublifestyle, dafür, noch immer wach zu sein und wahllos mit Fremden zu saufen. Aber Rave ist das Gefühl des ewigen Anfangs.

Diesen Anfang ohne Ende hat in Deutschland kein Club so zelebriert wie die Bar 25. Berlin´s finest Abschaum, mittags um zwei rotzfrech immer noch weitermachend, in einer Holzwelt am Mississippi irgendwo zwischen Pippi Langstrumpf und Tom Sawyer. Das Level, auf dem die Party dort startete, war schwindelerregend. Die Energie des Berghains, des Watergates, des Weekends und der Arena wurde in den schattigen Fängen eines verkommenen Western-Saloons an der Spree konzentriert. Jeder wusste, dass man in Berlin hier an einem Sonntag im Sommer immer sicher war. Und mit den durchgerocktesten DJs des Wochenendes ging es dann weiter nach oben. Am Morgen lag man an der Spree, am Ende einer fast abgeschlossenen Reise ins Herzen des Nachtbeats, und auf den Ausflugsdampfern standen Familien und zeigten auf einen. Zu Recht trieb man da Berlin wieder auf die Spitze und ließ sich noch ein bisschen weiter gehen. Die Gesetzlosigkeit wurde zur Regel erkoren, der Spirit des Studio 54 wurde vom Bass erstmals ans Tageslicht gepusht, und jetzt, da es nach fast so vielen Jahren wie Abschiedsparties wirklich vorbei ist mit der Bar 25, kann man auch sagen, dass sicher ist, dass sich hier die heftigsten Exzesse nördlich der Balearen seit Woodstock abgespielt haben.

Der Spirit lebt natürlich on und wenn am Ende der Party noch so viel Energie übrig ist, kann man auch heute einfach weiter machen. Die Menschen, als sie das erst mal begriffen, nannten es: “Afterhour”. Die blaue Stunde. Wer es bis hierher geschafft hat, erntet würdig die Früchte der Nacht, zeigt volle dedication und darf nochmal das Balla-Balla-Spiel spielen: Feier-Schweiss, Stress-Schweiss, Chill-Schweiss, Kotz-Schweiss, letzte Runde. Hektisch aufkeimende Sexualität. Fickschweiss. Letzte Versuche und erste Erfolge, das harte Werk des Clubgangs ist getan, die Aufgaben der Nacht sind erledigt, jetzt kann man ganz ohne Stress von diesem oder jenem kosten und merkt dann plötzlich, dass die Tanzschönheit ohne Discolight und mit Fältchen noch viel besser aussieht. Und denkt dann doch nur: Smack my bitch up. Oder passender: „Natürlich muss gekifft werden! Draufdisco! High life!“

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Trips & Ticks: Ein Nach(t)ruf.

02.05.2012 | Autor: Aurelia Kanetzky | in: Allgemein

Es ist zum Verzweifeln! Nie ist es einem recht! Immer wieder möchte man meckern, meckern, meckern. Da beschweren wir uns über die GEMA in Sachen YouTube, klagen über das Ende von Grooveshark, um dann haareraufend vor Spotify  zu sitzen und uns inmitten unseres Geizes über den entspanntesten Jingle aller Zeiten zu echauffieren, und dass wir so langsam schon nicht mehr wissen, was wir noch alles hören sollten, könnten, müssten. Datenmassen überrollen uns und der Wald vor lauter Bäumen liegt peu á peu unter der Sound-Lawine begraben.

Erst kürzlich regte mich die Band In Golden Tears dazu an, über die alte Single-Kultur zu nostalgieren und erinnerte mich, dass ich den Repeat-Knopf meines CD-Players schon lang nicht mehr gedrückt hatte. In Golden Tears haben es sich als Newcomer tatsächlich getraut, bisher nur zwei Songs als Singles zu releasen und lassen nach zwei Headliner-Touren noch immer auf ihr Debüt-Album warten. Da möchte man doch glatt schon wieder mit der Meckerei ansetzen, denn der Musik-Magen knurrt und die Gier nach der gewohnten Masse macht sich breit. Was waren wir doch früher genügsam, als wir unsere Maxi-CD freudig in den Spieler manövrierten und unser wertvoller Song tagelang durchdudelte! Man könnte glatt meinen, in jener Zeit stets einen Soundtrack besessen zu haben.

‚Soundtrack’ soll mir hier das Stichwort sein, denn vor ein paar Tagen holte mich der Titelsong zum Film „Drive“ (mit Ryan Gosling) zurück in einen Rausch, den ich schon lang nicht mehr erlebt hatte und der den Mut forderte, der Masse einfach mal den Finger zu zeigen. Da wird gesch***en auf den kollegialen Streit um den nächsten Song , denn „Nightcall“ ist ein einladender Ruf in eine schwärmerische Nacht, die nichts aufhalten oder unterbrechen kann – außer natürlich Spotify-Werbung. Der Wahn ist perfekt, die Sucht am Rande des Exzesses, und im Blut werfen die Endorphine wieder Blasen. Wenn Kavinsky in „Nightcall“ düster verschroben in die Nacht singt, will man nichts mehr, außer ein Comeback der Repeat-Funktion feiern. Heureka! Es gibt sie noch diese Lieder, die uns in den Endlosschleifenbann ziehen und zum Soundtrack einer Nacht werden, an die wir uns ewig erinnern, sofern die ersten Töne ihre Wellen schlagen, um erneut zu einem Trip zu wachsen.

Und wenn wir wirklich ehrlich zu uns selbst sind, entsteht doch gerade in dieser Begrenztheit die überkochende Euphorie, die uns schreien lässt: „Arrrghhh, ich LIEBE diesen Song!!!“ – was mir persönlich weitaus nährender erscheint, als ein Album „wow, richtig cool!!“ zu finden.

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3R

26.04.2012 | Autor: airen | in: Allgemein, Attacke Azteka

21:30
Wenn der verdammte Hund nicht gleich aufhört zu bellen, werde ich rausgehen und ihn töten, ihn töten müssen. Es soll ein besonderer Abend werden, ein Rendevous mit der induzierten Inspiration, induziert durch: Rotwein, Ritalin, Rachmaninov. Das 3. Klavierkonzert läuft, die Oberfläche des Carménère steht bei der Hälfte und flackert im Kerzenlicht wie ein stiller Bergsee bei Vollmond, Plätschern am Ufer, kräuseln an den Kieselsteinen. Drei Ritalins im Magen, drei auf Jürgen Fausers “Rohstoff” bereits feingehackt und zu zwei Linien zusammengeschoben, und ja, es stehen Kerzen im ganzen Zimmer, tropfen sich durch die einsetzende Nacht, und natürlich stehen sie alle auf und zwischen Büchern, Notizblöcken und Tischdecken, vielleicht fällt ja doch noch eine um und vielleicht gewinnt dieses Gefasel dann plötzlich doch noch einen Wert, dies: Meine letzten Zeilen, mit letzter Tinte, haha… Ich merke, es ist noch viel zu früh zum Schreiben.

***

22:06
Rachmaninov liegt in den letzten Zügen, der Siegeszug, die grellen, brennenden Schlussakkorde. Die Hände werden zittriger, ein gutes Zittern ist das, das Zittern vor dem ersten Mal. Also schreite ich vor meinen Altar. Also sprach – sollte ich Wagner hören?
Später. MENDELSSOHN: Prelude & Fugue in E Minor Op. 35, ich arbeite Pippins Wigglesworths Liste ab, ich hatte mir vorher ein paar Tips erbeten, tief und schwer und melancholisch sollte es bitte sein, Musik für große Momente. Wir standen also vor dem Altar, vor dem Altar stand ich – Noch einen Schluck Rotwein, nur einen kleinen, damit das Zittern weggeht… um den Pesoschein zu rollen.
Ein Mädchengesicht auf dem 200 Pesos-Schein, kluge adrette Nonne der erste Eindruck, bisschen sittenstreng das Mädel, wahrscheinlich keusch. Es ist das Konterfei der Sor Juana Inés de la Cruz. “Juana hatte weder Familie noch Geld, noch wollte sie heiraten. Nach einem visionären Traum trat sie ins Kloster ein und wechselte nach einem Versuch bei den Unbeschuhten Karmelitinnen zu den Hieronymitinnen”.
Weg vom Bildschirm, wieder switch auf die Ohren, auf das Innere: Fuge – Geisteskälte – Amphetamine und Kokain generieren eine derartige Breite an Auffassungsvermögen, dass diese große Musik ganz klein daherkommt, nur ein Bruchteil dessen, was da gerade alles reingehen würde in meinen Kopf… – Ich könnte völlig konzentriert diese Musik hören und dabei noch schreiben und lesen und stricken und ein Sudoku lösen und eine Unterhaltung dabei führen und diesen Text hier schreiben, aber es ist wieder dieses übercoole “Jaaa-jaaa-Nicken”, das “Es-geht-noch-viel-viel-mehr-rein”.
REDEN SIE BITTE SCHNELLER, ES REICHT NICHT!

***

23:06
Es lief Mahlers Symphonie Nr. 7. das war der falsche Tip, Pippin, aber ich war auch zu oberflächlich jetzt drauf, durchs Netz geklickt, ich hätte mir wahrscheinlich sogar mit Goetz den Arsch abgewischt, ich hätte es einfach nicht gemerkt. Dabei wollte ich doch einfach nur ultimativ viel spüren an diesem Abend, alles stand bereit. Weiter in der Liste, Dvoraks 8. Symphonie, mal schauen, ob die Wunder vollbringen kann.
Ich schaue mir das Video an, gehe sofort runter in die Kommentare, lese am liebsten in den Sprachen, die ich nicht beherrsche, das Gehirn will gefordert sein jetzt, kann sich nicht einlassen auf das kleine und feine und feinstoffliche, will eigentlich eine disneymäßige Volldröhnung, hardcore auf die Mütze, ich bin viel zu schnell drauf, ihr seid alle viel zu langsam. Ja, da sitzen die alten Säcke also vor ihren Instrumenten und vollbringen wahrscheinlich Magie, so hört man jedenfalls, aber woraus da genau die Magie bestehen soll, das checke ich nicht, das geht vollkommen an mir vorbei, ein An- und Abschwellen unterhalb der Wahrnehmungsgrenze, – das Herz bleibt kalt, schwarz-weiß, rauscht elektrisch. Schnell aufstehen und die Kerzen abchecken, nicht dass doch noch irgendwo was abfackelt, aber nur weil das jetzt echt nicht reicht als Letzte Worte.

***

3:04
Denken aufgegeben, nur noch gewichst. Hirn wie Eier sind nun leer. Noch ne Runde dumm rumsurfen, nochmal eine rauchen, sich bewusst werden, dass die Nach-Wirkung angefangen hat. Nichts mehr. Nur noch immer madigerer Gehirnrest. Langsam die Spulwürmer aus den Hirnwindungen fieseln. Wasser, Saufen, Schlaf! Mal die Leber ein Machtwort sprechen lassen. Und schön, morgen dann wieder ganz fit, ganz gesund, total seriös und aufrecht wieder durch die Welt laufen, Sport machen, die Leute anquatschen, zusammen scheißen, mich durchsetzen, und dann wieder oh-so-cute schauen, wenn die richtige Lady mit Gucci-Brille im SUV nebenan sitzt, an der Ampel. Kurz strategisch die Sonnebrille verschieben, den Blick von ihr abholen, sehen, wie sie sich mit der Hand laaang durch die Haare fährt und mit den Lippen ihren Gloss auf ihrem Blasmund verteilt… ja! Und dann noch mal ihr zu lächeln, im letzten Augenblick, bevor ich durchstarte und das war dann alles, was wir beide so kurz an dieser Ampel haben konnten. Oder im Wal-Mart. Oder in der Fußgängerzone. Oder im Gym.
Aber nachts, Leute, wenn ich hacke bin, wenn ich wirklich bin, dann bin ich hier, bei euch, auf Attacke Azteka.

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The Return Of The Son Of Video Blog

20.04.2012 | Autor: Albert Koch | in: Allgemein

0 Kommentare | Tags: Record Store Day · Shed · Vinyl

The Return Of The Video Blog: Phenyl phorever!

20.04.2012 | Autor: Albert Koch | in: Allgemein

0 Kommentare | Tags: Meret Becker · Record Store Day · Vinyl

El Jimador

19.04.2012 | Autor: airen | in: Allgemein, Attacke Azteka

Amatitán, Jalisco. Armando, der Jimador, steht unter dem wolkenlosen Himmel der Sierra Madre Occidental, der weiten Hochebene im Westen Mexikos. Er stützt sich auf die Coa, ein Werkzeug halb Spaten, halb Machete, und blickt über das endlose Agavenfeld. Dann legt er los und hackt mit exakten Schlägen die Blätter von der Agave. Der Jimador – der Ernter. Die Coa – sein Werkzeug. Die Agave – Grundlage für einen der besten Tequilas Jaliscos.
Und damit der Welt, denn nur Agavenschnaps, der aus dem sonnigen Agrarstaat Jalisco stammt, darf sich Tequila nennen. Viele sagen, dass es keinen besseren Boden für Tequila gibt als den von Amatitán; hier sitzen die großen Destillerien José Cuervo und Casa Herradura. Das Feld, dass der Jimador bearbeitet, gehört Herradura, es sind zehntausende Agaven, die sich in sorgfältigen Reihen dem Horizont entgegenstrecken, dort wo sich die grünen Berge aus dem Boden heben, dort wo die Sierra beginnt.

Der Jimador schlägt mit der Coa auf die Agave ein, bis nur noch ein rundlicher Stumpf übrig bleibt – Piña nennt man diesen Kern, weil er aussieht wie eine riesige Ananas. Es ist ein mordsschwerer Körper; auch ohne die Blätter wiegt so eine Piña 50 Kilo, 30 Jahre lang ist sie hier gewachsen. Hat in all den Jahren die heiße Sonne Jaliscos geatmet und von dem roten Boden der Hochebene getrunken. Nun wird es Zeit, sie in etwas Trinkbares zu verwandeln. In Mexikos meistgetrunkenen Tequila, der den gleichen Titel trägt wie Armando: El Jimador.
Die Ex-Hacienda Herradura. Ein riesiges Gelände mit weiten Limettenhainen, dazwischen alte Gemäuer, restaurierte Schuppen aus der Zeit um die Jahrhundertwende, als hier nicht nur Tequila destilliert, sondern auch Tiere gehalten wurden und die Arbeiter sonntags in die Kapelle strömten, in das ehemalige Herzstück der Ranch. Es ist ein romantisches Anwesen, wie aus einem Rosamunde-Pilcher Roman, nur das Wetter ist besser, ganzjährig. Da steht ein Esel auf der Wiese mit zwei Fässern auf dem Rücken, und man muss nur an dem Holzhahn drehen und goldener Tequila fließt einem ins Glas. Das Land von Milch und Honig, denk ich, und dreh noch ein zweites Mal am Hahn.

So romantisch und sauber, wie die Destillerie wirkt, so mystisch ist doch die Herstellung des Tequilas, ein geheimnisvolles Schauspiel, das beinahe komplett der Natur überlassen wird: Fledermäuse fliegen nachts von Agave zu Agave um die Blüten zu befruchten, und in die weiten Becken mit Agavenpampe schüttet man nicht etwa Kunsthefe, sondern vertraut auf die Naturpilze, die auf den Limetten-, Mango- und Granatapfelbäumen des Anwesens gedeihen. Und ja, da sind die kleinen schwarzen Punkte auf den Blättern der Mangobäume, die nun etwas können, für das sie jeder ernsthafte Trinker beneiden wird: Saft in Alkohol verwandeln.

Irgendwie erklärt mir der Führer dann die Funktion der Öfen, echte steinbefeuerte Steinöfen seien dies, und anscheinend wird das ganze Agavenzeugs dort zermatscht. Dann eine Führung durch die alte Destillerie, die einzige, die seit 1820 die Originaldestillen in Stand hält, dann einen Schluck von dem reinen 80%-Destillat, weiterer Kulturquark und Führung durch die blitzblanken Kessel und Pipelines der Anlage. Bis wir zum eigentlichen Ansinnen dieses Besuchs kommen: Der Verköstigung.

Im Schatten eines weiten, knorrigen Baumes steht ein runder Tisch, sauberes weißes Tischtuch, sechs Stühle, an jedem Platz sechs leere Gläser. Die Firma hat einen Verköstiger geschickt. José nimmt Platz, ein kräftiger Mann mit Dreitagebart und grobporiger Haut, einen Stetson auf dem Kopf, ein Lederband ums Handgelenk, etwas griesgrämige Miene. Ein cabrón, würde man hier in Mexiko sagen, jemand der nichts auf sich kommen lässt, ein Mann mit Eiern. Josés Familie arbeitet seit Generationen für El Jimador, er selbst hat früher hier auf den Feldern geschuftet.
Er beginnt zu erklären, von süßem und herbem Tequila;dass hier im Hochland von Amatitán die Agaven einen würzigen, fast beißenden Geschmack abgeben. Einen Geschmack so intensiv, dass man diesen Tequila pur trinken kann, ja muss, in kleinen Schlucken natürlich; es ist ein weites Aroma, in dem man suchen kann und viele Nuancen entdeckt. Wir heben das erste Glas, einen weißen El Jimador, frisch aus der Destille. José erzählt von der hartem Arbeit auf dem Feld, dass man dafür um 5 aufstehen muss, dass ab 10 Uhr die Sonne zu heiß wird für jede körperliche Arbeit.

Wir nehmen das nächste Glas. Tequila war früher immer klar, erklärt José, bis man hier in der Casa Herradura Ende der 50er auf die Idee kam, Tequila wie Whiskey in Eichenfässern zu lagern. Nach einem Jahr war der erste Tequila Reposado fertig, der Abgelagerte, dutzende Destillerien taten es ihnen gleich, erst seitdem ist Tequila so wie wir ihn heute kennen: Gelb, holzig, mit einer runden Geschmacksnote. Ein Getränk, das für sich selbst stehen kann, das man pur trinken kann, nicht nur irgendein Destillat zum Breitmachen.
Wir probieren weiter, El Jimador añejo – mehr als ein Jahr gelagert – und der Geschmack wird natürlich von Runde zu Runde besser. El Jimador Añejo ist herb und holzig, er erinnert kurz an torfige Whiskeys, aber er lässt sich auch rasch wegtrinken, noch ein Glas, noch ein Schluck, gutes Qualitätszeug ist das, zum Mischen eigentlich zu schade. Als wir am Ende die sechs Gläser weg haben, schaue ich über den weiten Garten, weiter hinten eine Schulklasse, die haben auch schon ordentlich einen mitbekommen, und denke, dass das Leben als Schreiber in Mexiko wirklich nur Vorteile hat. Einfach mal so unverbindlich auf eine Tequilaverköstigung nach Jalisco eingeladen zu werden… Und ich muss mich auch gar nicht zurückhalten wie die ganzen anderen Presseleute und Marketingheinis, ich kann ganz unbeschwert alle Gläser bis zum letzten Tropfen austrinken und ruhig den Kellner nochmal auf nen Añejo losschicken.

Konkurrenz machen kann El Jimador hierzulande nur der 100 Años, ein etwa gleich teurer Tequila mit etwas runderem Aroma, gut zum Mischen. Und Don Julio, das allerdings ein Edeltequila um die 700 Pesos die Flasche. Konkurrenz machen jedenfalls kann nicht die Sierra-Plörre, die in Deutschland verkauft wird, mit Industriealkohol angereichert und hier in Mexiko eines der rottigsten Pennergetränke überhaupt. Nein wirklich, seit ich die Casa Herradura gesehen habe, das Anwesen, die Liebe zum Produkt, die sich in dem ganzen Herstellungsprozess niederschlägt; seitdem ich die Jimadores auf dem Feld gesehen habe und Leute wie José, die ihr Leben ganz dem Tequila widmen, kaufe ich hier meistens die Flaschen mit der Strichzeichnung des Jimadors auf dem Label, 100% Agave, aus Amatitán, Jalisco.

 

 

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Tonio

14.04.2012 | Autor: airen | in: Allgemein, Attacke Azteka

Als ich vor einem knappen Jahr den ersten Besuch im Fitnessstudio 3000 machte, begrüßte mich Tonio und stellte sich als mein Trainer vor. Tonio war ein kleiner, stämmiger moreno, ein Mexikaner mit dunklem Teint, ende Zwanzig vielleicht, der mich fad von Maschine zu Maschine führte. Tonio machte damals einen arroganten Eindruck; er war eine Institution in dem Laden, kannte alle und tratschte lieber mit den aufgetakelten Latinas am Laufband und den Gorrillas bei den Langhanteln. Natürlich langweilte es ihn, einem Newbie wie mir die Bizepsmaschine auf zehn Kilo zu stellen. Ich habe mir dann auch gar nicht von ihm einen Trainingsplan machen lassen und trainierte mich selber frei durch die Gerätelandschaft. Nachmittags immer hatte Tonio seine Schicht und lief stolz durch die Gänge, immer super gepflegt, super trainiert, stolzer Gang, legte den Chicas den Arm um die Schulter, kaute auf seinem Kaugummi,  und verlor sich im Smalltalk mit den Stammgästen. Wenn ich vormittags dort war, trainierte Tonio selber, rief den Gorrillas durch den Raum zu, dass er jetzt werweisswieviel Kilos heben würde, dass sie jetzt auch antanzen sollten, noch eine Scheibe drauflegen. Nein, sympathisch war mir Tonio nie. Wenn er an mir vorbei lief, kaugummikauend, grüßte ich ihn. Dann nickte er knapp, ein kurzes Zeichen der Zustimmung, aber so richtig nahm er mich wohl nie wahr.

Vor vier Wochen war plötzlich ein neuer Trainer da. Immer nachmittags lief auf einmal ein hellhäutiger Sunnyboy zwischen den Geräten Patrouille, grüßte jeden, sehr nett, sehr offen, ich dachte: Endlich ist der arrogante Scheißer weg.

Heute kam ich mit der Frau an der Milchshake-Bar ins Gespräch. „Hast du das von Tonio gehört?“, fragte sie mich.

„Naja, der ist seit ein paar Wochen weg, oder?“

Als sie mir dann die Story erzählte, drehte es mir mit jedem Wort den Magen um.

„Tonio war doch mit dem Mädchen von der Rezeption zusammen.“ Das Rezeptionsmädchen war ein superheißes, durchtrainiertes, tittenoperiertes und aufgetakeltes Hotchick.

„Die beiden waren in einem Club hier in Cuernavaca. Plötzlich kamen ein paar Narcos, hochrangige Drogendealer, und ließen den Laden schließen, weil sie unter sich feiern wollten. Nur Tonio und seine Freundin sollten bleiben. Die hatte an dem Abend auch ein superheißes Kleid an, Stillettos, anscheinend stand der Narco auf die. Dann meinte der Typ zu Tonio, er solle ihm doch seine Freundin vorstellen. Tonio, natürlich stolz wie immer, hatte da keinen Bock drauf, nahm seine Freundin an der Hand und ging raus aus dem Laden, setzte sich in sein Auto. Der Narco kam mit der ganzen Entourage hinterher. Da hätte er noch locker Gas geben können um abzuhauen. Die riefen sich irgendwas zu, Tonio würgte den Motor ab und stieg aus. Wahrscheinlich hat er gedacht, dass er sich, durchtrainiert wie er ist, mit den Typen anlegen kann.“

-„Und dann?“

„Dann ging es los, sie haben ihn zusammen geschossen.“

Seit sechs Wochen ist Tonio, der stolze körperbesessene Trainer vom Studio 3000 querschnittsgelähmt.

„Sein Vater hat ihm jetzt das Auto umgebaut, damit er auch nur mit den Armen fahren kann.“

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Die Papst Diaries – 3

10.04.2012 | Autor: airen | in: Allgemein, Attacke Azteka

Papst und Messe schön und gut… so richtig konnte ich das aber gar nicht genießen. Schon frühmorgens bei der Eingangskontrolle hatte ich gemerkt, dass der Reissverschluss meiner Touribauchtasche offenstand. Alle Scheine weg. 1400 Pesos. Blieben noch drei Münzen. 2,50 Pesos, der Gegenwert eines Chililutschers vielleicht. Ich drängelte mich dann am nächsten Morgen auch schon zur Hälfte der Messe wieder raus aus dem Komplex, mit einem Schweinedurst, bat einen der fliegenden Händler um ein Glas Wasser, der schenkte mir gleich ne ganze Flasche, und dann hieß es raus zum Ausgang. Zwei Kilometer wieder diese schnurgerade Straße bis zur Landstraße. Die war heiß und staubig und über ihr hing ein Schild: “León: 37 KM”. Okay, dachte ich. Es ist mittags um elf. Du hast zwölf Stunden, bis dein Bus fährt. Schwing your fuckin Arsch, wat willste machen?
Die Flasche Wasser war schon nach einer halben Stunde alle. Eine Schweinehitze mittlerweile, eine Nacht im Schlafsack hinter mir und einen Tag lang nix gegessen. Einen Mordskoks- und Überhauptkater noch dazu. Die Luft flirrte über dem glühenden Asphalt. Links: Steppe. Rechts: Steppe und Stromleitungen . “Im nächsten Dorf schnorr ich in irgendeinem Laden nach ner Cola.”, nahm ich mir vor. Irgendwann kam dann wieder so ein Dreihäuser-Tankstelle-Spirituosenladen-Kaff. Kurz vor dem Schnapsladen fällt mich noch so ein Straßenhund an. Schreiend und fluchend stürze ich also in den Laden, der junge Besitzer unterbricht sein Gespräch mit zwei Provinzmiezen und schaut mich fragend an: “Naja, komm grad von der Papstmesse, Geld geklaut, ewig nix getrunken, muss noch bis León heute, könnten Sie mir nicht ne Cola schenken, bitte?” Richtig übel abgerissen komm ich mir vor in dem Moment. Der Typ haut die Cola rüber, macht aber ein Gesicht das unmissverständlich sagt: “Verpiss dich jetzt wieder schnell, du Streuner!”
Aber – was für eine Orgasmus, als ich die Colaflasche an meine Lippen führe und den ersten Schluck nehme. “Mit der Pulle schaffst du´s”, da bin ich jetzt sicher. Ich teil mir die Schlucke ein, bis zu der Brücke da am Horizont, dann erst den nächsten. Stunden bin ich nun schon unterwegs, sicher habe ich schon mehr als die Hälfte. Hinter dem nächsten Hügel muss irgendwo die Silhouette von León auftauchen.
Bis meine ganze Zuversicht vom nächsten Straßenschild erschlagen wird. Leon: 25 KM. Was?!!! Erst 12 mickrige Kilometer sollen das jetzt gewesen sein? Ich knicke ein. Keine Chance, das noch zu schaffen. Nicht ohne Essen, nicht bei der heißen Sonne des Hochlandes. Ich geh noch ein gutes Stück bis zu einer Auffahrt und halt dort den Daumen raus. So viel Leute haben doch jetzt die Frohe Botschaft vernommen, irgendwer muss sich doch meiner erbarmen, wie ein Räuber schau ich auch nicht gerade aus. Eine halbe Stunde stehe ich dort, kurz vorm Umfallen, Fieberträume, nur den einen Befehl im Hirn: Halt den Arm raus, lass den Daumen oben! Als ich  aufgebe, wieder losgehe, ist die Cola-Flasche leer.
Eine Stunde später. Ein Dutzend Busse parken in der Wüste. Und ein Feuerwehrwagen. Ich gehe hin und sage mein Sprüchlein auf. Die Uniformierten geben mir zwei Flaschen Wasser und eine Schachtel Kekse. Dann wieder auf die Landstraße. Wieder was im Magen, aber meine Beine werden von Krämpfen zerrissen, die Schultern spüren jedes Kilo des Rucksacks zehnfach. Immer noch kein Ende in Sicht. Dann taucht am Straßenrand ein Wagen der “Seguridad Pública” auf, ein Informationsmobil, sechs weißgekleidete Leute, die den Vorbeifahrenden den Weg nach León erklären. Ich schleppe mich dahin, ich falle wirklich von Fuß zu Fuß und frage wie weit es noch bis zur Busstation von León sei.
“Gute zehn Kilometer.”
- “Und wie lange dauert das zu Fuß?”
“Zu Fuß?! Du bist ja verrückt, das schaffst du nie!”
- “Na, ich bin gerade von Silao bis hierher gelaufen, das schaff ich auch noch.”
“Warum denn zu Fuß? Das sind 30 Kilometer!” Der Typ ist ehrlich entsetzt,
- “Mir wurde auf der Messe mein Geld geklaut.”

Dann geht alles ganz schnell: “Setz dich hin, willst du was trinken?”, beruhigen sie mich, “Was essen? Eine Zigarette? Mach dir keinen Kopf, wir räumen hier gleich zusammen und fahren dich da hin!”
Ich kann mein Glück gar nicht fassen. Noch nie in meinem Leben bin ich so hilfsbedürftig gewesen. Die regeln das jetzt, denk ich, und lass mich auf den Stuhl fallen und der plötzliche Adrenalinabfallm lässt mich beinahe zusammenbrechen wie den Läufer von Marathon. Ich sauf eine Cola aus und dann einen Apfelsaft. Rauch die Kippe auf Ex und spüre plötzlich alle Muskeln in meinem kaputtgewanderten Körper. Dann packen die zusammen. Stellen sich alle vor ein paar Pick-Ups auf. Fangen an, Geld zusammen zu werfen. Bitte nicht.
“Hier Airen, das sind 200 Pesos, damit du was für den Weg hast.”
- “Nein Leute, ich hab hier mein Busticket, ich komm jetzt schon zurecht, ich kann das nicht annehmen.”
“Bitte, es kommt von Herzen. Damit du einen guten Eindruck von den Menschen von Guanajuato mit nach hause nimmst.”
- “Erspart mir diese Scham, bitte!”
“Jetzt nimm das Geld, wir lassen dich so nicht gehen.”
Na was bleibt mir anderes übrig. Ich nehm die Kohle, steig auf den Beifahrersitz eines Pick-Ups und lass mich bis vor die Busstation kutschen. Als ich aussteige, ist es nachmittags halb fünf. Die Sonne steht noch immer hoch und mein Hirn ist am Rande des Zusammenbruchs. Sieben Stunden, bis der Bus abfährt. Ich habe ein schlechtes Gewissen, als ich mir von der Kohle am Oxxo drei Flachmänner, ne Schachtel Kippen und zwei Sandwiches rauslasse, aber was soll ich mit der gottverdammten Kohle und sieben Stunden Zeit auch anstellen? Lauf da rum, les jeden Zeitungsartikel drei Mal, geh nochmal los, komm nochmal zurück und falle schließlich halb zwölf in den Bus. Penn durch bis früh um sechs, stell mir ein Taxi auf und komme nach hause. Erstmal Lily alles erklären. Sie nimmt das echt locker, mich trifft ja auch kaum eine Schuld, und sie meint so: “Was du gemacht hast, war wie eine Wallfahrt. Bitte den Papst um etwas!”
Papst, Alter, tu mir so eine Scheiße nie wieder an! Und mach dass die Blasen an meinen Füßen und die Krämpfe in meinen Beinen weggehen. Und wenn du´s wirklich draufhast, dann mach, dass die heute meinen Text in der FAS bringen!

Artikel war dann wirklich drin.

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Die Papst Diaries – 2

06.04.2012 | Autor: airen | in: Allgemein, Attacke Azteka

Früh um acht haute mich das besoffene Scheissvolk auf der Straße mit irgendwelchen Papstgesängen aus dem Bett; wahrscheinlich hatten die nur halb so viel Promille wie ich Restalk, kamen darauf aber offensichtlich nicht klar. Ich mixte mir also einen kleinen Drink zum wach werden und machte mich auf dem Weg ins Ghetto. Klamotten hatte ich ja eh noch an.
Die Straße hinter dem Hotel war eine perfekte Parallelwelt, man musste sie nur ansehen, die ganzen Dealer, Nutten, Gangster und Schieber, um zu checken, dass das Gesetz hier nicht viel zu sagen hatte. Da standen sie nun, die Cholos mit ihren Bermudas und Basecaps, die zahnlosen Alten, schon am Morgen eine Plastikflasche mit billigem Agavenlikör in der Hand, daneben die Maras, auf deren nackten Oberkörpern die Gangtättowierungen bleckten und die leichten Mädchen die in Minirock und Handtasche den staubigen Gehweg entlangtuckten. Es war verdammt heiss für diese Uhrzeit und mir war klar, dass ich dieses Mal wirklich schnell ins Herzen des Schmutzigen, Kaputten und Verbotenen vorgedrungen war.
Natürlich starrten sie mich alle an; ein Weißer kreuzt in diesen Ecken nicht alle Tage auf, und schon sprach mich ein hagerer, alter Mann an, was man mir denn anbieten könne. Ich bat um Kokain. Der Alte schaute sich um, sein Blick schien nur abzuschätzen, ob es jetzt schneller wäre die zehn Meter über die Straße zu gehen oder das Dutzend Schritte in den Hauseingang. Er fragte einen jungen Typ, der meinte er schaue mal, dann sagte der Alte: Ach, der hat nichts, lass uns da vorne hinschauen, an die nächste Ecke. Dort lud ein kräftiger Indio gerade Kisten mit Avocados von seinem Pickup; aber als der Alte ihn ansprach, zog er eine Plastiktüte mit grapas aus der Hosentasche, Krampen eigentlich die Übersetzung, und verkaufte mir zwei – nein, besser drei – Päckchen Kokain. Ich war erstaunt, wie offen das hier alles ablief, niemand schien sich um den Deal zu scheren. Dann lief ich wieder zurück Richtung Hotel, aber schon eine Ecke weiter kam mir der junge Typ von vorher entgegen: Er habe jetzt was aufgestellt. Kann man ja auch nicht einfach so sitzen lassen den Mann… Ich handelte ihn dann noch ein bisschen runter und ging mit den Taschen voller Koks zurück ins Zimmer im Hotel Alemán, mixte noch einen Drink auf und häufte das ganze Pulver zu einem großen Haufen. Legte sicherheitshalber noch eine Plastiktüte drüber.
Als Pepe um halb zwölf klopfte, war ich auch schon wieder richtig in Laune. Der kleine Mann wollte mir wirklich die Stadt zeigen, aber ich erklärte ihm, dass ich vorrübergehend erstmal keinen Bock auf Sozialkontakt hätte und ging mit ihm runter zum Oxxo, ein paar Bier holen. Pepe war absolut blank. Er erzählte, dass er Pharmavertreter war, man kann das nicht mit Deutschland vergleichen, dass ist ein richtiger Klinkenputzerjob hier, und entsprechend scheisse wird er bezahlt. Als er mir sagte, was er pro Woche verdiene, überschlug ich kurz und stellte fest, dass ich heute schon sein halbes Monatsgehalt auf den Kopf gehauen hatte. Also kaufte ich den Sixpack und schloss mich wieder mit Pepe im Zimmer ein.
Pepe war echt ein cooler Typ. Vielleicht 1.60 groß, aber ein toller Charakter. Mit jeder Line wurde er mir sympathischer. Keine Allüren, klauen wollte er auch nichts und einladen war in diesem Zustand sowieso mein mode d´emploie.
Wir blieben auf Bandamax hängen, einem Musiksender, auf dem nur mexikanische Banda-Musik läuft, genauso Vokuhila-Typen wie Pepe waren da zu sehen, wie sie irgendwo in der Sierra ihre Snaredrums bearbeiteten. Echale, échale, Pepe, und schon tanzten wir zu zweit im Paso Duranguense durch das Hotelzimmer. Und noch eine gezogen, und noch einen gemixt und Pepe auch noch ein Bier auf. Saugeil!
Ich hatte in der Kathedrale von Cuernavaca zwei Karten für die Papstmesse abgeholt, eine wollte ich eigentlich verkaufen, aber als ich da mit Pepe feierte war klar, dass ich ihn mitnehmen würde. Gegen Nachmittag wurde ich aber müde und auch ein bisschen geil und bat Pepe, gegen abend zurück zu kommen, dann könnten wir noch ein bisschen feiern und am Sonntag würden wir dann frühmorgens gemeinsam auf die Messe checken. Ich gab ihm die Karte und rollte mich ins Bett. Irgendwie soff ich mich vorsichtig in den Schlaf.
Beim ersten Klopfen wollte ich gar nicht aufmachen. Aber dann dachte ich, scheiße, Pepe steht da draußen, deiner neuer Freund hier in León, kannste nicht bringen. Pepe super gut gelaunt, aber mit schlechten Nachrichten: Der Zugang zum Parque Bicentenario, wo die ganze Messe morgen stattfinden sollte, werde schon heute nacht geschlossen. Und er würde für einen Kumpel heute Nacht im Taxi aushelfen. Total korrekter Typ. Vielleicht hatte ich ihn auch nur mit meinem Auftritt heute nachmittag verschreckt, aber so kam er wenigstens her und gab mir sogar das Ticket zurück. Ich kalkulierte kurz durch und merkte, dass ich auf jeden Fall auf die scheiss Messe musste, weswegen war ich den hergekommen? Wir gingen also nochmal runter ins Ghetto und stellten etwas Koks auf. Dann packte ich meine Sachen zusammen und liess Pepe allein zurück. Mit dem nächsten Taxi liess ich mich nach Silao fahren, eine Stadt knapp vierzig Kilometer von León. Die Nacht war heiss und schwül, Kilometer um Kilometer rasten wir durch die triste Steppe. Als wir in Sialo ankamen, stauten sich schon die Krankenwagen, Polizeifahrzeuge, nirgends mehr ein Durchkommen und ich verabschiedete mich von dem Taxifahrer und lief los, den ganzen anderen Leuten hinterher. Das Messegelände. Immer noch nur Wiesen und diese ewiggerade Straße. Immer mehr Menschen. Nach einer halben Stunde kam ein Kontrollpunkt und ich zeigte meine Karte her. Checkte, dass mein Brustbeutel offen war und die ganzen Scheine weg waren. Alles egal. Ich haute mich ein paar Meter weiter vorne unter einen Baum, holte den Schlafsack raus, zog nochmal an meiner 1-Liter-Tequila-O-Saft-Mischung, rauchte unter dem klaren Himmel Guanajuatos eine Zigarette und pennte ein. Morgen dann Papst.

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