6,8
11.12.2011 | Autor: airen | in: Allgemein, Attacke Azteka
Viertel vor acht, ich steh in der Küche und rühr in meiner Ratatouille rum, Lily, ihre Mutter und mein Sohn Diego sitzen vorm Fernseher und schauen „Kevin allein zu haus“ und ich frag mich zum x-ten Mal, warum der nicht einfach endlich mal die Bullen ruft, da rüttelt es an den Fenstern. Wie bei einer schweren Windböe klappern die Scheiben im Rahmen, oder als würde ein schwerer Laster am Fenster vorbei fahren, und da hier ja öfters mal schwere Laster vorbei fahren denk ich mir die ersten Sekunden auch gar nichts, aber dann komme ich auf einmal unerwartet aus dem Gleichgewicht und fall ein kleines Stück nach vorne, und denk: So viel Bier warns doch heute noch gar nicht, als Lily ruft: „Erdbeben!“.
Ich hab schon zwei kleinere Erdbeben hier mitgemacht und schaue also gleich hoch an die Decke zu den Lampen und ja: Die schwanken ganz deutlich von links nach rechts. Also sofort Diego geschnappt, Tür auf, über den Hof und die Tür zur Straße aufgemacht, und da ist schon das ganze Tohuwabohu in Gang: Die Alarmanlagen piepen, Hunde bellen, Nachbarn stehen vor ihren Türen und die hohen Betonpfähle der Straßenlampen wiegen sich gemütlich im Chaossound. Ein Adrenalinspiegel wie auf einem mittleren Maikrawall, also erstmal: geil. Dann geht mein Blick aber hoch zu den ganzen Stromkabeln, die in der Luft schaukeln und die Situation ist echt auswegslos: Einfach überall sind Stromkabel. Und pfeifen: We shall runtercome! Der Boden wackelt unregelmäßig und auf einmal haut´s mich – hoppla – von einem Fuß auf den anderen. Ich renne mit meinem Sohn im Arm zu einer Stelle, an der ein paar Kabel weniger über der Straße zu hängen scheinen. Dann wirds auch schon wieder ruhig. Diego klammert sich ganz fest an meine Schulter. Ich gehe wieder zurück zu Lily und ihrer Mutter.
„Mindestens 5.0.“, meint die.
„Mindestens.“, antwortet Lily, die schon das Erdbeben von 1985 mitgemacht hat.
Wir warten ein paar Minuten. Nachbeben fallen ja eh meistens schwächer aus, also denk ich langsam an die Ratatouille und mach mich auf den Weg in´s Haus um das Gas abzuschalten.
„Falls wir uns nicht mehr sehen“, sage ich im Gehen zu Lily, „bitte denk dran: Ich habe dich immer geliebt!“
***
Um 19.50 Uhr erschütterte heute ein Beben der Stärke 6,8 das mexikanische Kernland. Im Staat Guerrero gab es einen drei Verletzten Toten. In einigen Gemeinden fiel der Strom aus. Alles easy. Kevin hat noch immer nicht die Bullen gerufen.
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