Michelada

15 Track 15 by shadowsabas

Road-Trip durch Morelos. Wieder in den heißen Palmendörfern. Auf dem Rücksitz zeigt Lily Diego die Tiere, den abgemagerten Gaul auf der weiten Wiese, den staubigen Esel, der an einem Pflock am Straßenrand festgemacht ist, die Hühner die am Rand einer Tankstelle im Boden picken, die ausgeleierte Sau mit ihren fünf Ferkeln, die gerade die Straße versperrt. Ich halte, warte bis alle über die Straße sind und weiter geht´s.

Lilys Mutter Susana wendet sich mir wieder vom Beifahrer zu: „Oder der Jugo Antigripal: Da nimmst du eine Ananas, drei Äpfel, eine handvoll Guayabas, zwei Orangen und eine Esslöffel Honig. Davon trinkst du einen Liter am Tag, und die Erkältung ist wie weggeblasen. Ich habe auch ein Rezept gegen Magenbeschwerden, dafür braucht man Rote Beete, Kürbis und…“

Susana interessiert sich sehr für Themen rund um die Gesundheit, und setzt das auch bei ihren Gesprächspartnern voraus. Ich zuckel weiter über die Landstraße, vorbei an weiten, grünen Feldern, an ärmlichen Dörfern, die Santa Rosa heißen oder Jacarandas, und zieh mir das alles rein, wie es leuchtet in diesem honigelben Licht der mexikanischen Dezembersonne. Kilometerweit geht es geradeaus, nur die Perspektive der Hügel am Horizont verschiebt sich ganz langsam, dann kommen wieder die ersten Bodenschwellen und kündigen das nächste Dorf an.

Und so holpern wir wieder hinein in die nächste verlassene Gemeinde, ein Dutzend Häuser sind das meist nur: Die Autowerkstatt, der Tante-Emma-Laden, eine schäbige Cantina, vor der ein paar weiße Plastiktische aufgestellt sind, an denen gegerbte Mänern ihr Bier trinken, vielleicht ist noch ein Lastwagen am Wegesrand geparkt, von dessen Ladeflächen Frauen Melonen oder Mandarinen verkaufen. Dazwischen bewegen sich die Bewohner, die in dieser Gegend ganz dunkel sind, zwischen den bunten Häuschen. In einer Schweineruhe.

Und als ich das Auto dann abstelle, um auch mir ein Bier zu kaufen, als ich das lärmende Kind und die plappernde Schwiegermutter für ein paar Momente hinter mir lasse und meine Sandalen im roten Sandboden Staub aufwerfen, da greift die extreme Ruhe und Langsamkeit auch auf mich über. Ich ziehe die Sonnenbrille auf die Nase, gehe ein paar Meter die Straße zurück und betrete einen Bretterverhau. „Ricas Micheladas“ hat jemand an die Wand gepinselt. Ein rostriger Deckenventilator wühlt die heiße Luft um. Ein Junge Anfang zwanzig sitzt an einem Tisch und schaut auf den Fernseher auf der Bar, scheint schon seit Jahrhunderten in dieser Hütte zu sitzen und darauf zu warten, dass sich nur endlich jemand in dieses gottverlassene Kaff verirrt, um eine Michelada zu bestellen.
Er stemmt sich aus dem Stuhl, holt eine Literflasche Corona aus dem Kühlschrank, und bereitet meine Miche zu.


***

Rezept Michelada

1 Liter helles Bier
100 ml frischgepresster Limettensaft
5-6 Spritzer Worcester Sauce
2 Esslöffel Salsa Tabasco oder Valentina
Eiswürfel

Glasrand mit Limettensaft befeuchten und mit Salz einreiben. Eiswürfel ins Glas geben, Limettensaft, Worcestersauce und Salsa im Glas vermischen. Bier langsam einfüllen.

***

Ich zahle und latsche mit dem randvollen Styroporbecher wieder zurück zum Auto. Den ersten rein, die Zylinder röhren, und wir sind wieder on the road. Noch zwanzig Kilometer bis zum Paraiso, einem Schwimbad bei Tlalquiltenango. Und ein tiefer Schluck an meiner Michelada.

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Mju sagt:

Ich würd dich so gern fragen, ob du weißt, warum. Versucht man das zu Hause dort zu finden, wo Frieden einkehrt, Ruhe und Langsamkeit… Weil man weiß, dass man sich zu seinem Glück zwingen muss und es wirklich, zurückgeworfen auf das rudimentäre “Ich” die ganze Zeit nur gewartet hat, sich aus dem Käfig zu trauen? Zu schüchtern und leise, verschütt gegangen auf allen Wegen der Flucht, die letzten Endes nur Suche an Suche an Suche aneinanderreihten? Darauf wartend von träger Hitze vorsichtig freigelegt zu werden wie ein Fossil? Oder ist es der letzte Funke an Survival of The Fittest? Diesmal stärker lodernd ob der tristen roten Sand Ahnung, dass High End, Best Of und die Sehnsucht nach Perfektion nur eine bescheidene Gerade gegen Unendlich bleiben?

elcasco sagt:

2 Esslöffel Tabasco? ;) Werd ich mal testen und mich in das Zimmer mit dem defekten Thermostat der Fussbodenheizung setzen. Da herrschen immer subtropische Temperaturen.

bei dir merkt man sofort dass einer das leben dem feeling gewidmet hat und nur falls es nicht durchdrang es heißt ausweglos

loonyland sagt:

Micheladas sind super aber cubanas mag ich noch was mehr ;-)