Napoleon

Alles ging los mit dem Typen, der in der Reihe hinter uns saß. Der Microbus schob sich gerade durch das Zentrum von Mexico City, vorbei an Starbucks-Filialen und Juweliergeschäften, Sears, Sanborn´s, Pelzmanteldamen mit Papiertüten, in der kühlen Dezemberluft sowas wie vorweihnachtliches Friedrichstraßenfeeling – als Lily sich auf einmal umdrehte; eine Haarsträhne hatte sich im Sitz verfangen und die fieselte sie nun wieder aus der Verkleidung. Dann aber drehte sie sich nochmal um, diesmal über die andere Schulter, und weil mir das komisch vorkam, blickte auch ich zurück.

Der Typ war ziemlich abgerissen, stoppelkurze Haare, räudiges Gesicht, einen Arm vor dem Bauch verschränkt, den anderen napoleonmäßig auf Brusthöhe in die Jacke geschoben.

„Wir steigen an der nächsten Ecke aus“, sagte Lily auf deutsch, „der Typ hat ne Knarre.“

Man denkt da erstmal, die spinnt. Der Typ hat seine Hand unter der Jacke, so what?!

Aber es ist alles ein bisschen anders in Mexiko, die Gefahrenlage, die Situationen und ihre Konstellationen, die Erfahrungen der Menschen und deswegen auch ihre Instinkte. Leute, die das große Erdbeben von 1985 mitgemacht haben, spüren auch das leichteste Zittern in der Erde, da bleibt man als Europäer noch völlig unberührt sitzen und vernimmt es erst später aus den Nachrichten.

So wie jetzt. Unser Bus fährt vom Zentrum Richtung Tepito, einem gesetzlosen Armenviertel, und genau auf dieser Route werden öfters mal Busse ausgeraubt.
„Aber der ist allein…“, wende ich noch ein, aber da hält der Bus schon an einer Ampel und Lily steigt aus, ich danach. Direkt unter der Ampel zwei Polizisten. Blaue Uniform, silberner Stern auf der kugelsicheren Weste, Handy, Handschellen, Walkie Talkie. Einer eine 9mm, der andere ne MP. Lily spricht die beiden an, ich hör was von „der mit der roten Jacke“, da springt schon der erste Polizist in den Bus, der zweite hinterher, zerren den Typ hinten raus, werfen ihn gegen eine Schaufensterscheibe, und ja: Dann gibt Bulle 1 Bulle 2 eine schwarze Waffe. Echte oder Spielzeugpistole, keine Ahnung, der Typ wird jedenfalls augenblicklich auf den Boden geworfen, Bulle 2 spricht hektisch in sein Walkie Talkie und Lily zieht mich weg, ganz schnell, Richtung Zócalo, da wo die Schlittschuhbahn aufgebaut ist, und tausend Menschen strömen vorbei.

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bibbche sagt:

Wow, da hast du aber Glück, mit so eine Frau an Deiner Seite.

AMID sagt:

WOW… krasser Inhalt und erzählerischer Still, BESTE! Besonders dass mit dem Erdbeben… hatte mich schon immer gefragt, warum einige Leute scheinbar Blind durch die Welt gehen… von all dem Alltagsmist, der überall um uns herum passiert, nichts mitbekommen… Gesellschaftliche Metastasen hängen in der Luft… der Krebs der Zivilisierten Welt… jetzt verstehe es besser… wiso manche auf “Scheiße Passieren” so krass sensibilisiert sind… passiert doch zuviel um nicht irgendwann rein zu treten…