Tag 2 – Acapulco

6.00 Uhr früh, der Maverick rast durch die erleuchtende Sierra Madre del Sur, zarte Wölkchen an diesem immer lichter werdenden Himmel, aber da ist nur dieser alternativlose, chemische Ruf in unseren Köpfen der da kreischt: Los, los, der neongelben Hure Acapulco entgegen! Ja, Don Casimir, erzähl´s mir! Ja, Don Casimir, ich erzähls dir!!! An einer PEMEX Tankstelle irgendwo in der Ödnis, ein paar Bauarbeiter lehnen an ihrem Pick-Up, mampfen Burritos, rücken an ihren verschwitzten Cappies, da steck ich nochmal den Arm bis zum Anschlag ins Futter, zerr die Chemikalien aus dem Rücksitz, dipp nochmal und weiter geht es… diese extreme Hängebrücke mit dem atemberaubenden Blick, aber wir starren nur nach vorne, und dann kommt schon das Glitzern, das Leuchten, der elektrische Glanz… die prickelnde Verlockung der Bucht von Acapulco.

Acapulco tot wie ein verrottender Fisch am Strand. Die Weihnachtsfeiertage vorbei, der Día de los Reyes vorbei, wir ziehen über den leeren Küstenboulevard und diese Stadt, die gerade noch schwanger war mit all dem Trubel und den Fiestas und Angeboten und den Touristen und ihren Schleppern, mit Feiertagswahnsinn und Party-Parties und überhaupt ein Drogenloch und Nuttenbabel und Sünde wohin man schaut, Hochmut, Wollust, Völlerei und Müßiggang, sie ruht nun matt im Schatten und betrachtet ihre eigene Leere, ein dampfendes Schlachtfeld im Morgengrauen.

Hinten, in La Caletta, dort wo die armseligen Mexikaner absteigen, biegen wir rechts ein, und kaum habe ich abgebremst springt ein fettiger Typ mit Schnauzbart ans Fenster, ein kurzes Feilschen beginnt, dann parken wir ein vor dem „Hotel Enriques“.

Ein Bremsen, ein Stopp in der Bewegung, die Dynamik wird kurz brüchig, aber als die Koffer neben die schäbigen Betten geworfen sind, als alles unnötige vom Tisch gefegt und der Goldschatz in dessen Mitte platziert ist, kann, muss und darf es in dieser Kombination – Drogen, Don Casimir und ich – nur eine Richtung geben und wir holen das Kärtchen raus, den 500-Peso-Schein, setzen das Monokel auf, ziehen die Handschuhe über, ziehen die Kittel an und widmen uns unserem Spezialgebiet: Der fachkundig ausgeführten exzessiven Selbstzerstörung.

Die Pappen müssen natürlich warten, wo kämen wir denn da hin. Pillen werden nur halb oder doppelt eingenommen, in letzterem Falle mit Tequila oder Rum. Das Crystal/Koks-Verhältnis muss stets genauestens im Auge behalten, die Bewusstseinsgrenze überwacht werden. Da man den Alkohol nicht mehr spürt, muss man innerlich die Promille mitzählen und ab 2,5 wie ein Frosch über den Flur hüpfen und vom Balkon kotzen. Harte Arbeit. Vollste Konzentration ist gefordert. Wir schaffen das, Don Casimir, sag ich, wir kommen da durch, aber das ganze Pulver und die Kapseln und alles, es wird und wird nicht weniger. Dieses verdammte Zimmer im Armenviertel von Acapulco, mittlerweile steht die Sonne hoch und all die Händler und Schlepper und Resttouristen erwecken zum Leben und die grünen Käfertaxis hupen sich die Seele aus dem rostigen Leib… und in unserem stickigen Loch steigert sich alles in einen immer diabolischeren Wahnsinn, alles unter Kontrolle natürlich, Musik muss jetzt angelassen werden, auf wackligen Beinen nochmal zum Tisch, nein – ein Einmarsch ist das, ein festes Schreiten zu den letzten Bröseln und Stückchen, und erst jetzt sind die Pappen dran, den Sponge Bob auf Ex, den Delphin auf der Zunge zergehen lassen und dann sprinten wir raus und werfen uns auf die Hauptstraße.

Was für ein Wahnsinn! Was für ein Licht, was für eine Normalität! Für einen Moment hänge ich an der Tür eines 70er-Jahre-Busses, – Disculpe, fahren Sie vor, ins Zentrum, in die Zona Diamante?, aber der Fahrer schüttelt mich ab, dann ein Käfertaxi und wir sind im Herzen von Acapulco, dem Strip, das Barba Roja, die Piraten-Bar, das Planet Hollywood, der Bungee-Turm, dahinter das Reservat der Reichen, Emporio, Fiestamericana, ein ständiges „Gib-dein-verficktes-Geld-aus“, bis wir anständig an einem Plastiktisch am Meer sitzen, unter einem Sonnenschirm, und all die Heinis an- und abtanzen lassen. Strohhüte, Shrimps, Gras, Halskettchen und Bier dürfen passieren, der ganze Rest dieser bettelnden Schar wird mit großmännischer Geste weitergeschickt, abgewimmelt – und natürlich muss man sich dann seine Lebensgeschichte nochmal im FastForward gegenseitig erzählen und einklatschen und hey Acapulco, und dann knallen die Pappen aber weiter stören tut uns das nicht… Das Meer wird plasmatischer, ich schwimme sogar ein paar Runden, nahe am Strand, schaue mir das breite Panorama der Hotels und auf rustikal getrimmten Kokshütten an, sehe und fühle eigentlich nichts. Aber saugeil natürlich.

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500beine sagt:

is this the way to acapulco, sir?!

[...] Wer es noch nicht gerafft hat: Airen ist auf dem Redaktionsblog des Musik-Express unterwegs und erzählt in einer Art Tagebuch von seinem Exil in Mexiko: ich liebe den Sound von Airen [...]

stille sagt:

hach jungs… ihr machts richtig!

“aber saugeil natürlich”. natürlich!

Mathilda sagt:

ach, endlich ein neuer Text und soooo schön lang