El Jimador

Amatitán, Jalisco. Armando, der Jimador, steht unter dem wolkenlosen Himmel der Sierra Madre Occidental, der weiten Hochebene im Westen Mexikos. Er stützt sich auf die Coa, ein Werkzeug halb Spaten, halb Machete, und blickt über das endlose Agavenfeld. Dann legt er los und hackt mit exakten Schlägen die Blätter von der Agave. Der Jimador – der Ernter. Die Coa – sein Werkzeug. Die Agave – Grundlage für einen der besten Tequilas Jaliscos.
Und damit der Welt, denn nur Agavenschnaps, der aus dem sonnigen Agrarstaat Jalisco stammt, darf sich Tequila nennen. Viele sagen, dass es keinen besseren Boden für Tequila gibt als den von Amatitán; hier sitzen die großen Destillerien José Cuervo und Casa Herradura. Das Feld, dass der Jimador bearbeitet, gehört Herradura, es sind zehntausende Agaven, die sich in sorgfältigen Reihen dem Horizont entgegenstrecken, dort wo sich die grünen Berge aus dem Boden heben, dort wo die Sierra beginnt.

Der Jimador schlägt mit der Coa auf die Agave ein, bis nur noch ein rundlicher Stumpf übrig bleibt – Piña nennt man diesen Kern, weil er aussieht wie eine riesige Ananas. Es ist ein mordsschwerer Körper; auch ohne die Blätter wiegt so eine Piña 50 Kilo, 30 Jahre lang ist sie hier gewachsen. Hat in all den Jahren die heiße Sonne Jaliscos geatmet und von dem roten Boden der Hochebene getrunken. Nun wird es Zeit, sie in etwas Trinkbares zu verwandeln. In Mexikos meistgetrunkenen Tequila, der den gleichen Titel trägt wie Armando: El Jimador.
Die Ex-Hacienda Herradura. Ein riesiges Gelände mit weiten Limettenhainen, dazwischen alte Gemäuer, restaurierte Schuppen aus der Zeit um die Jahrhundertwende, als hier nicht nur Tequila destilliert, sondern auch Tiere gehalten wurden und die Arbeiter sonntags in die Kapelle strömten, in das ehemalige Herzstück der Ranch. Es ist ein romantisches Anwesen, wie aus einem Rosamunde-Pilcher Roman, nur das Wetter ist besser, ganzjährig. Da steht ein Esel auf der Wiese mit zwei Fässern auf dem Rücken, und man muss nur an dem Holzhahn drehen und goldener Tequila fließt einem ins Glas. Das Land von Milch und Honig, denk ich, und dreh noch ein zweites Mal am Hahn.

So romantisch und sauber, wie die Destillerie wirkt, so mystisch ist doch die Herstellung des Tequilas, ein geheimnisvolles Schauspiel, das beinahe komplett der Natur überlassen wird: Fledermäuse fliegen nachts von Agave zu Agave um die Blüten zu befruchten, und in die weiten Becken mit Agavenpampe schüttet man nicht etwa Kunsthefe, sondern vertraut auf die Naturpilze, die auf den Limetten-, Mango- und Granatapfelbäumen des Anwesens gedeihen. Und ja, da sind die kleinen schwarzen Punkte auf den Blättern der Mangobäume, die nun etwas können, für das sie jeder ernsthafte Trinker beneiden wird: Saft in Alkohol verwandeln.

Irgendwie erklärt mir der Führer dann die Funktion der Öfen, echte steinbefeuerte Steinöfen seien dies, und anscheinend wird das ganze Agavenzeugs dort zermatscht. Dann eine Führung durch die alte Destillerie, die einzige, die seit 1820 die Originaldestillen in Stand hält, dann einen Schluck von dem reinen 80%-Destillat, weiterer Kulturquark und Führung durch die blitzblanken Kessel und Pipelines der Anlage. Bis wir zum eigentlichen Ansinnen dieses Besuchs kommen: Der Verköstigung.

Im Schatten eines weiten, knorrigen Baumes steht ein runder Tisch, sauberes weißes Tischtuch, sechs Stühle, an jedem Platz sechs leere Gläser. Die Firma hat einen Verköstiger geschickt. José nimmt Platz, ein kräftiger Mann mit Dreitagebart und grobporiger Haut, einen Stetson auf dem Kopf, ein Lederband ums Handgelenk, etwas griesgrämige Miene. Ein cabrón, würde man hier in Mexiko sagen, jemand der nichts auf sich kommen lässt, ein Mann mit Eiern. Josés Familie arbeitet seit Generationen für El Jimador, er selbst hat früher hier auf den Feldern geschuftet.
Er beginnt zu erklären, von süßem und herbem Tequila;dass hier im Hochland von Amatitán die Agaven einen würzigen, fast beißenden Geschmack abgeben. Einen Geschmack so intensiv, dass man diesen Tequila pur trinken kann, ja muss, in kleinen Schlucken natürlich; es ist ein weites Aroma, in dem man suchen kann und viele Nuancen entdeckt. Wir heben das erste Glas, einen weißen El Jimador, frisch aus der Destille. José erzählt von der hartem Arbeit auf dem Feld, dass man dafür um 5 aufstehen muss, dass ab 10 Uhr die Sonne zu heiß wird für jede körperliche Arbeit.

Wir nehmen das nächste Glas. Tequila war früher immer klar, erklärt José, bis man hier in der Casa Herradura Ende der 50er auf die Idee kam, Tequila wie Whiskey in Eichenfässern zu lagern. Nach einem Jahr war der erste Tequila Reposado fertig, der Abgelagerte, dutzende Destillerien taten es ihnen gleich, erst seitdem ist Tequila so wie wir ihn heute kennen: Gelb, holzig, mit einer runden Geschmacksnote. Ein Getränk, das für sich selbst stehen kann, das man pur trinken kann, nicht nur irgendein Destillat zum Breitmachen.
Wir probieren weiter, El Jimador añejo – mehr als ein Jahr gelagert – und der Geschmack wird natürlich von Runde zu Runde besser. El Jimador Añejo ist herb und holzig, er erinnert kurz an torfige Whiskeys, aber er lässt sich auch rasch wegtrinken, noch ein Glas, noch ein Schluck, gutes Qualitätszeug ist das, zum Mischen eigentlich zu schade. Als wir am Ende die sechs Gläser weg haben, schaue ich über den weiten Garten, weiter hinten eine Schulklasse, die haben auch schon ordentlich einen mitbekommen, und denke, dass das Leben als Schreiber in Mexiko wirklich nur Vorteile hat. Einfach mal so unverbindlich auf eine Tequilaverköstigung nach Jalisco eingeladen zu werden… Und ich muss mich auch gar nicht zurückhalten wie die ganzen anderen Presseleute und Marketingheinis, ich kann ganz unbeschwert alle Gläser bis zum letzten Tropfen austrinken und ruhig den Kellner nochmal auf nen Añejo losschicken.

Konkurrenz machen kann El Jimador hierzulande nur der 100 Años, ein etwa gleich teurer Tequila mit etwas runderem Aroma, gut zum Mischen. Und Don Julio, das allerdings ein Edeltequila um die 700 Pesos die Flasche. Konkurrenz machen jedenfalls kann nicht die Sierra-Plörre, die in Deutschland verkauft wird, mit Industriealkohol angereichert und hier in Mexiko eines der rottigsten Pennergetränke überhaupt. Nein wirklich, seit ich die Casa Herradura gesehen habe, das Anwesen, die Liebe zum Produkt, die sich in dem ganzen Herstellungsprozess niederschlägt; seitdem ich die Jimadores auf dem Feld gesehen habe und Leute wie José, die ihr Leben ganz dem Tequila widmen, kaufe ich hier meistens die Flaschen mit der Strichzeichnung des Jimadors auf dem Label, 100% Agave, aus Amatitán, Jalisco.

 

 

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tylerix sagt:

hört sich verdammt gut an…auf zum testen…

Diego sagt:

I had a tasting with Luis last month at my reurtsaant in Monterey CA with the exact same tequilas! Small world :) . I’ve really been getting into tequila lately … it has a complexity that I didn’t really know about before. Just another way to sharpen up my senses!

Torsten sagt:

Wenn das mal keine Schleichwerbung für “El Jimador” war… es rulet immer noch “Jose Cuervo, Reserva de la Familia”! :-)

kurt sagt:

der mit dem roten hütchen …hihi

mit salz und zitrone passr der schon..
aber gut zu wissen..
sonnige bilder
das passt.
amigo..

tranquilo sagt:

oh ja, ich würde ihn auch gerne probieren!!! :)

elcasco sagt:

Was für einen seligen Blick Verkoster José hat! Ein Traumjob ;)

-.- sagt:

was gäbe ich drum, solche berge zu sehen