3R
26.04.2012 | Autor: airen | in: Allgemein, Attacke Azteka
21:30
Wenn der verdammte Hund nicht gleich aufhört zu bellen, werde ich rausgehen und ihn töten, ihn töten müssen. Es soll ein besonderer Abend werden, ein Rendevous mit der induzierten Inspiration, induziert durch: Rotwein, Ritalin, Rachmaninov. Das 3. Klavierkonzert läuft, die Oberfläche des Carménère steht bei der Hälfte und flackert im Kerzenlicht wie ein stiller Bergsee bei Vollmond, Plätschern am Ufer, kräuseln an den Kieselsteinen. Drei Ritalins im Magen, drei auf Jürgen Fausers “Rohstoff” bereits feingehackt und zu zwei Linien zusammengeschoben, und ja, es stehen Kerzen im ganzen Zimmer, tropfen sich durch die einsetzende Nacht, und natürlich stehen sie alle auf und zwischen Büchern, Notizblöcken und Tischdecken, vielleicht fällt ja doch noch eine um und vielleicht gewinnt dieses Gefasel dann plötzlich doch noch einen Wert, dies: Meine letzten Zeilen, mit letzter Tinte, haha… Ich merke, es ist noch viel zu früh zum Schreiben.
***
22:06
Rachmaninov liegt in den letzten Zügen, der Siegeszug, die grellen, brennenden Schlussakkorde. Die Hände werden zittriger, ein gutes Zittern ist das, das Zittern vor dem ersten Mal. Also schreite ich vor meinen Altar. Also sprach – sollte ich Wagner hören?
Später. MENDELSSOHN: Prelude & Fugue in E Minor Op. 35, ich arbeite Pippins Wigglesworths Liste ab, ich hatte mir vorher ein paar Tips erbeten, tief und schwer und melancholisch sollte es bitte sein, Musik für große Momente. Wir standen also vor dem Altar, vor dem Altar stand ich – Noch einen Schluck Rotwein, nur einen kleinen, damit das Zittern weggeht… um den Pesoschein zu rollen.
Ein Mädchengesicht auf dem 200 Pesos-Schein, kluge adrette Nonne der erste Eindruck, bisschen sittenstreng das Mädel, wahrscheinlich keusch. Es ist das Konterfei der Sor Juana Inés de la Cruz. “Juana hatte weder Familie noch Geld, noch wollte sie heiraten. Nach einem visionären Traum trat sie ins Kloster ein und wechselte nach einem Versuch bei den Unbeschuhten Karmelitinnen zu den Hieronymitinnen”.
Weg vom Bildschirm, wieder switch auf die Ohren, auf das Innere: Fuge – Geisteskälte – Amphetamine und Kokain generieren eine derartige Breite an Auffassungsvermögen, dass diese große Musik ganz klein daherkommt, nur ein Bruchteil dessen, was da gerade alles reingehen würde in meinen Kopf… – Ich könnte völlig konzentriert diese Musik hören und dabei noch schreiben und lesen und stricken und ein Sudoku lösen und eine Unterhaltung dabei führen und diesen Text hier schreiben, aber es ist wieder dieses übercoole “Jaaa-jaaa-Nicken”, das “Es-geht-noch-viel-viel-mehr-rein”.
REDEN SIE BITTE SCHNELLER, ES REICHT NICHT!
***
23:06
Es lief Mahlers Symphonie Nr. 7. das war der falsche Tip, Pippin, aber ich war auch zu oberflächlich jetzt drauf, durchs Netz geklickt, ich hätte mir wahrscheinlich sogar mit Goetz den Arsch abgewischt, ich hätte es einfach nicht gemerkt. Dabei wollte ich doch einfach nur ultimativ viel spüren an diesem Abend, alles stand bereit. Weiter in der Liste, Dvoraks 8. Symphonie, mal schauen, ob die Wunder vollbringen kann.
Ich schaue mir das Video an, gehe sofort runter in die Kommentare, lese am liebsten in den Sprachen, die ich nicht beherrsche, das Gehirn will gefordert sein jetzt, kann sich nicht einlassen auf das kleine und feine und feinstoffliche, will eigentlich eine disneymäßige Volldröhnung, hardcore auf die Mütze, ich bin viel zu schnell drauf, ihr seid alle viel zu langsam. Ja, da sitzen die alten Säcke also vor ihren Instrumenten und vollbringen wahrscheinlich Magie, so hört man jedenfalls, aber woraus da genau die Magie bestehen soll, das checke ich nicht, das geht vollkommen an mir vorbei, ein An- und Abschwellen unterhalb der Wahrnehmungsgrenze, – das Herz bleibt kalt, schwarz-weiß, rauscht elektrisch. Schnell aufstehen und die Kerzen abchecken, nicht dass doch noch irgendwo was abfackelt, aber nur weil das jetzt echt nicht reicht als Letzte Worte.
***
3:04
Denken aufgegeben, nur noch gewichst. Hirn wie Eier sind nun leer. Noch ne Runde dumm rumsurfen, nochmal eine rauchen, sich bewusst werden, dass die Nach-Wirkung angefangen hat. Nichts mehr. Nur noch immer madigerer Gehirnrest. Langsam die Spulwürmer aus den Hirnwindungen fieseln. Wasser, Saufen, Schlaf! Mal die Leber ein Machtwort sprechen lassen. Und schön, morgen dann wieder ganz fit, ganz gesund, total seriös und aufrecht wieder durch die Welt laufen, Sport machen, die Leute anquatschen, zusammen scheißen, mich durchsetzen, und dann wieder oh-so-cute schauen, wenn die richtige Lady mit Gucci-Brille im SUV nebenan sitzt, an der Ampel. Kurz strategisch die Sonnebrille verschieben, den Blick von ihr abholen, sehen, wie sie sich mit der Hand laaang durch die Haare fährt und mit den Lippen ihren Gloss auf ihrem Blasmund verteilt… ja! Und dann noch mal ihr zu lächeln, im letzten Augenblick, bevor ich durchstarte und das war dann alles, was wir beide so kurz an dieser Ampel haben konnten. Oder im Wal-Mart. Oder in der Fußgängerzone. Oder im Gym.
Aber nachts, Leute, wenn ich hacke bin, wenn ich wirklich bin, dann bin ich hier, bei euch, auf Attacke Azteka.
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heißt der nicht Jörg Fauser? Macht nichts, der hat es auch geschafft. Meine auch.. lesenswert!
hieß der nicht Jörg Fauser. Macht nichts, der hat es auch geschafft. Meine auch.. lesenswert!
Wahnsinn…
Ich verschlinge Deine Texte.
scheiss gema! und sonst so?wie laeuft das cafe berlin?faulbaum laesst gruessen..
so jetzt wird es doch mal zeit dir zu sagen, dass ich begeistert bin. bin selber gerade für ein jahr in bolivien und hab ein bisschen aus sehensucht nach berlin und den dort ansässigen clubs und dem dazugehörigen lebensgefühl deinen blog gefunden. danach dann erfreut festgestellt, dass es strobo als ebook zu kaufen gibt und es dann auch so schnell verschlungen, dass ich mir nach der hälfte die regel gesetzt habe: nur eine story pro tag, sonst is es zu schnell vorbei.
heute wieder einer dieser texte von dir, die ich wirklich liebe und die ich immer wieder lesen könnte. sehr großes lob. solltest du irgendwie das bedürfnis haben, mir einen wunsch zu erfüllen: zwing doch bitte deinen verlag “I Am Airen Man” auch noch als ebook/hörspiel (halt irgendwas an das ich in bolivien rankomme) zu veröffentlichen
viele grüße aus la paz und bitte weiter so
hell yeah!
Irre, dass Du nachts bei uns bist…
hello, pat bateman.
continuum ist die separation par excellence
bei jeder zweiheit ist mindestens eines real
wie erbärmlich sich die materlie jeglicher logik zu entziehen versucht
klar unsere logik von ihr ist falsch.
negieren der negation ist alles
ich bin nur eni besoffener einsamer scheissspast, ich möchte mich entschuldigen. wirklich.
entschuldigung
!!
Penisklausi, seit einem Jahr nervst du mich mit deinen Kommentaren, meistens sind sie echt badly-intended, und trotzdem bringst du mich immer wieder zum Lachen. Klar bin ich ein Säufer und dachte immer, du schreibst da aus einer besseren, gesunderen Perspektive. Zu sehen dass du selber nur ein “besoffener Scheissspast” bist, hat mir echt ein paar Illusionen geraubt. Ich kann dir leider nicht viel mehr Schaden anrichten, als deine Kommentare zuzulassen und zu veröffentlichen. Dein Scheiss geht jetzt on-internet wie meiner. Ich beiss mich auch immer hinterher in den Arsch. Welcome to that feeling.
wie feiert Mexico den 1. Mai?
was genau überzeugt dich eigentlich am schreibstil von reinald goetz? nachdem ich dieses wirr-warr in rave gelesen habe, kann ich nicht glauben, dass du das wirklich irgendwie gut oder sogar vorbildlich findet, wie er so hochtrabend schreibt.
Hey Bill, ich fand es gar nicht hochtrabend, ich fand es absolut exakt. Wirr waren für mich nur die ersten Seiten, und dann hatte es Klick gemacht und ich checkte, dass da einer Techno schreibt. Also wirklich zum ersten Mal nicht nur über Techno schreibt, sondern den Sound, das Feeling, auch die Gespräche so absolut authentisch wiedergibt. Und auch die eigenen Gedanken beim Feierngehen, Technohören, Abkacken, Aufrappeln… Ich musste das Buch dann erstmal zur Seite legen und habe ab dann nur noch scheibchenweise gelesen, so sehr habe ich es genossen. Hm, naja, es ist wie so viele Geschmackssache. Es ist für mich noch immer das beste Technobuch, das ich kenne. Das beste Buch vielleicht sogar. Alles Liebe, Airen
hallo airen,
hm, okay, das ist wahrscheinlich auch eine sache, die man vorallem dann nochvollziehen und verstehen kann, wenn man von genau dieser zeit und der techno-kultur damals noch ein stück etwas mitbekommen oder abbekommen hat in dieser intensität, von der goetz dort schreibt. ich bin noch keine 20 und wahrscheinlich ist es deshalb schwieriger für mich, das voll zu durchschauen, wovon er schreibt. deshalb mag ich deine texte sehr, weil ich das gefühl habe, dass da eine gewisse zeitlosigkeit mitschwingt in den erfahrungen und den gefühlen, die du beschreibst. alles liebe, bill