Die Blaue Stunde

Afterhour. Die längste Stunde des Feiertags. Wir sind alle Brüder geworden heute Nacht, und in jedem steckt noch ein kleiner Splitter Musik. Er glänzt in unseren Augen, schiebt in unserem Nacken, klopft im Kiefer und knallt im Herzen. Mit feinen Fäden zuckt der Beat an unseren Gliedern, lässt nicht los, seit er uns eingefangen hat gestern Nacht, und mit zarten Zungenschlägen liebkosen die Bässe im fahlen Tageslicht unsere Eingeweide. Wir sind hängen geblieben.

Wir sind wach, wir können noch, wir machen weiter. We´re going down to: LaLaLand. And it´s something ´bout those little pills, das uns nochmal Kraft gibt, an einem dieser Morgende aus Kristall. Wenn andere sich erschöpft dem anbrechenden Tag ergeben, wenn sie dem Anstand eine letzte Gefälligkeit erweisen und geschwächt und gebrandmarkt zu ihren Betten kriechen, wenn aber auch schweigend und klar die Stadt erwacht und Luft in den Haaren blonder Kinder spielt, dann eröffnet sich dem Feierschwein ein letztes, ein verbotenes Reich: Das verschmutzte Tor in die Afterhour- Galaxie, die endgültige Ausfahrt in den Absturz.

„Jetzt – gehts – los!“. Ein Verpeilter zieht ruckartig einen Schein aus der Nase und kommt erst mal gar nicht auf den Sound klar. Sowas von geil. Der Verpeilte ist noch im Club, dem Verpeilten kanns gar nicht wild genug zugehen, der Verpeilte hat noch von Allem was da, der Verpeilte ist immernoch allerfeinste Sahne am Abfeiern, Alter. Er ist vielleicht gerade erst gekommen oder er hat sich wirklich die Nacht brutal konsequent eingeteilt, jedenfalls hat er gerade allerhärtesten Spaß und sein Hirn schon ein paar Spülgänge hinter sich. Der Verpeilte labert, der Verpeilte lernt Leute kennen, der Verpeilte schmeisst Bongs um, der Verpeilte nervt die Nichtverpeilten. Und wenn der Verpeilte den Sound lauter macht, geht die Afterhour in ihre nächste Runde.

Denn der Sound wippt und alle wippen mit. Ein ganz eigener Film rollt an und dreht den Tag zu einem fliegenden Seidentuch im Wind. Nachtgestalten schweben auf Sonnenbrillenflügeln aus Clubs und in Clubs, in Vorgärten und Hinterhöfe, unter Röcke, in Kabinen, an Seen und in vor Clubs geparkte Autos. Die Außenwelt darf noch auf gar keinen Fall reinkommen. Nur der Beat und einmal künstliche Energie, bitte, große Brillen und die Sonne ist nur Deko. Noch eine? – Logen. Wer jetzt noch trockene Haare hat, hat geschummelt. Der Sound kommt aus dem Radio, von einer coolen Station. Wir drehen am Regler und hören: Dance, dance, dance. Noch immer thront der Beat frech im Hypothalamus. Welten und Leben sind seit dem letzten Aufstehen vergangen.
Irgendwo klingelt ein Handy

Fleckige Küchen, hastig überfüllte Balkons, die nun im leisen Radiosound in der Sonne stehen, verranzte Sofas in vermüllten, hellen Wohnungen, Afterhourclubs. Das sind die Orte des Morgens. Afterhourclubs. Wo alle nur noch wegen einem da sind, wegen einem auf den Toiletten sind, wo irgendein verrücktes Gesetz erlaubt, dass hier am hellichten Tag noch immer Nacht gespielt werden darf. Dass man die feinen Plastikhaare auf den Boxen sehen kann. Dass sich auch bei Tag keiner zu schämen scheint für diesen Clublifestyle, dafür, noch immer wach zu sein und wahllos mit Fremden zu saufen. Aber Rave ist das Gefühl des ewigen Anfangs.

Diesen Anfang ohne Ende hat in Deutschland kein Club so zelebriert wie die Bar 25. Berlin´s finest Abschaum, mittags um zwei rotzfrech immer noch weitermachend, in einer Holzwelt am Mississippi irgendwo zwischen Pippi Langstrumpf und Tom Sawyer. Das Level, auf dem die Party dort startete, war schwindelerregend. Die Energie des Berghains, des Watergates, des Weekends und der Arena wurde in den schattigen Fängen eines verkommenen Western-Saloons an der Spree konzentriert. Jeder wusste, dass man in Berlin hier an einem Sonntag im Sommer immer sicher war. Und mit den durchgerocktesten DJs des Wochenendes ging es dann weiter nach oben. Am Morgen lag man an der Spree, am Ende einer fast abgeschlossenen Reise ins Herzen des Nachtbeats, und auf den Ausflugsdampfern standen Familien und zeigten auf einen. Zu Recht trieb man da Berlin wieder auf die Spitze und ließ sich noch ein bisschen weiter gehen. Die Gesetzlosigkeit wurde zur Regel erkoren, der Spirit des Studio 54 wurde vom Bass erstmals ans Tageslicht gepusht, und jetzt, da es nach fast so vielen Jahren wie Abschiedsparties wirklich vorbei ist mit der Bar 25, kann man auch sagen, dass sicher ist, dass sich hier die heftigsten Exzesse nördlich der Balearen seit Woodstock abgespielt haben.

Der Spirit lebt natürlich on und wenn am Ende der Party noch so viel Energie übrig ist, kann man auch heute einfach weiter machen. Die Menschen, als sie das erst mal begriffen, nannten es: “Afterhour”. Die blaue Stunde. Wer es bis hierher geschafft hat, erntet würdig die Früchte der Nacht, zeigt volle dedication und darf nochmal das Balla-Balla-Spiel spielen: Feier-Schweiss, Stress-Schweiss, Chill-Schweiss, Kotz-Schweiss, letzte Runde. Hektisch aufkeimende Sexualität. Fickschweiss. Letzte Versuche und erste Erfolge, das harte Werk des Clubgangs ist getan, die Aufgaben der Nacht sind erledigt, jetzt kann man ganz ohne Stress von diesem oder jenem kosten und merkt dann plötzlich, dass die Tanzschönheit ohne Discolight und mit Fältchen noch viel besser aussieht. Und denkt dann doch nur: Smack my bitch up. Oder passender: „Natürlich muss gekifft werden! Draufdisco! High life!“

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kurt sagt:

guter extext ,fast wie am shchnürchen ohne komode
hhi..
abseits von den den wülkchen wolken
der matrose geht nicht an land,er rudert mit den beinen
aber
sehr gute,gelungene textpassagen mit sinn
ich erlaube mir in ihrem tagebuch zu forschen
nicht auf den neusten absturz wartnd eher über das sanfte ankommen in der geschichte an sich

mfg kurt

wolf sagt:

Was für eine Sprache!
Und die Musik drückt mich (fast) in die Szenerie!
GELUNGEN

tylerix sagt:

endgültige ausfahrt in den absturz…danke. besser geht’s nicht.

tranquilo sagt:

meine fresse! ;) soooo treffend beschrieben und dabei noch lyrisch wunderschön…!

Andreas T. sagt:

Gibt es als 2-stündigen Film,gesponsort von ZDF und 3sat unter dem Titel “Bar 25″ Jenseits von Raum und Zeit ,o.s.ä.