Alexej Alexandrowitsch

Vor nem Monat nach Tejalpa gezogen, einem belebten Vorort von Cuernavaca. Am frühen Morgen stehen Sombreromänner neben ihren Frahrradläden am Straßenrand, verkaufen Fruchtsalate, raubkopierte DVDs oder frisch geschlachtetes Huhn. Tejalpa war mal kurz in den Medien, als hier vor einem Jahr der 14-jährige Massenmörder “El Ponchis” geschnappt wurde, der für das Südpazifikkartell ein paar Leuten den Kopf vor laufender Kamera mit einem Taschenmesser abgeschnitten hatte. Eigentlich ist Tejalpa aber gar nicht so schlecht. Tagsüber ein wirres Durcheinander, nachts beeilt man sich lieber ein wenig auf den Weg zum Spätkauf. Manchmal wacht man nachts von den 3er-Salven der AK 47 auf. Am nächsten Tag steht dann alles in der Lokalzeitung, meistens mit Foto. Unser Apartmentkomplex ist deshalb mit Stacheldraht abgesichert und ein Vigilante bewacht alle Ein- und Ausgänge. Ich sitze jetzt oben im 5. Stock und schaue morgens bei der ersten Zigarette über das Valle de Cuernavaca, dieses palmenbewachsene Tal im Herzen von Morelos, über dem in den Morgenstunden der Nebel noch wie Watte liegt.

Ganz schnell lernte ich August kennen. Ein 50-jähriger Schweizer, der um die Ecke ein kleines Restaurant aufgemacht hat. Seit 15 Jahren war August nicht mehr in Europa. Seitdem schleppt er seine mexikanische Frau durch die Staaten und Mexiko, jetzt haben sie hier nebenan ein Restaurant aufgemacht. August war früher Zugführer in der Schweiz, jetzt fährt er komische Theorien und hofft mit seinem Fastfoodladen auf den großen Durchbruch. Wird nichts, sieht man sofort. Zwischen unzähligen Zügen an seinen “Delicados”-Kippen erklärt mir August immer sein großes Konzept, spricht von seiner Bude wie von einem Multimilliardendollar-Konzern. Produkt, Nische, Stakeholder-Value, da werden gleich die großen Begriffe angelegt. August glaubt auch an 9/11 Verschwörung, Gleichschaltung der Medien und jüdische Intrigen. Als er letztens anfing, mir von “lebendigem” und “totem” Wasser zu erzählen, zerbrach irgendwas in mir. Seitdem gehe ich ihm eigentlich meistens aus dem Weg. Netter Typ und so, aber man fängt mit sonem in Tejalpa festgefahrenen Dogmatiker einfach keine Grundsatzdiskussionen mehr an.

***

Vor paar Wochen, Nacht, Regenzeit, schlierige Reflektionen im Asphalt. Auf der Suche nach Koks, gerade umgezogen, neue Connection checken. Ich hatte eine lange Runde um und durch all die dunklen Ecken und Bordells meines neuen Viertels gemacht, als auf einmal dieser blonde Typ an der Straßenecke steht. Blond, blaue Augen. Hier in Tejalpa. Sieht man nicht alle Tage, nein, man ist als Weißer im besten Fall ein Außerirdischer hier in Morelos, im schlechtesten ein Aussätziger. Hau den also auf Koks an und der meint gleich so, klar, können wir klären. Ich schau mir den nochmal von nahem an, junger Typ Ende zwanzig, wirklich hellblonder Mittelscheitel, und gehe mit ihm mit. Er ruft ein Kokstaxi.
Fünf Minuten später hält ein Wagen am Straßenrand, der Blonde spricht kurz mit dem Beifahrer, kommt dann zu mir zurück.

Wir gehen in seine Wohnung. Eine düstere Nebenstraße, ein versteckter Eingang, ein enger Hinterhof über den unzählige Wäscheleinen gespannt sind. Es riecht nach Waschpulver und Hundefutter. Der Blonde schließt eine Tür auf, die vollgesprenkelt ist von Betonspritzern und Flerdermausscheiße. Dahinter ein dunkles, fensterloses Kabuff. Der Blonde zieht an einem Faden, der von einer ungefassten Glühbirne herunter hängt. Das Licht geht an, ein karges Zimmer, der Geruch von ungeduschtem Mann, blau bemalte Wände. Auf der Matratze in der Ecke liegt ein Buch, der Titel ist in kyrillischer Schrift geschrieben.
Ich haue das Koks auf den Tisch und mache vier Lines. Der Blonde haut die erste weg. Ich die nächste.

“Alter, du bist doch nicht von hier.”, fährt es schließlich aus mir.
“Nee, ich bin Ukrainer.”, erklärt der Blonde. “Als ich neun Jahre alt war, hat meine Mutter einen Mexikaner kennen gelernt. Dann sind wir hierher gezogen.”
“Story, Alter.”
Der Blonde antwortet was auf russisch.
“Wie heißt du denn?”, frage ich ihn.
“Alexej Alexandrowitsch.”

Er wühlt in einem Haufen von Klamotten. Schließlich bringt er einen mexikanischen Ausweis zum Vorschein. Alexej Alexandrowitsch. Spricht perfektes Spanisch. Wohnt hier um die Ecke. Well you know, sometimes the truth may come in strange disguises. Wir reden dann noch in diesem dunklen Zimmer, er ist genau so alt wie ich, seine Frau hat ihn gerade verlassen, direkt nach der Geburt ihrer gemeinsamen Tochter. Alexej hat schon wieder ne neue am Start. Scheisst auf die Alte, sagt er. Russen halt. Tejalpa halt. Rockt.

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loonyland sagt:

Nen Foto aus dem 5ten Stock wäre cool! Wie war das Koks?