Attacke Azteka Abgestürzt

Himmel: “Morgen, da bin ich wieder, scheiss auf die Sterne, jetzt erstmal vierzehn Stunden Nazisonne. Hehe.”
Radio: “Música romantica – en vivo desde Cuernavaca, México. La temperatura: 31 grados centigrados.”
Flasche: “Ich begehre dich.”
Körper: “Was muss, das muss.” Also…
Rührt euch! Stillgestanden! Front zur Flagge!

***

Das Aufgebot der letzten Gehirnzellen steht geil am Start. Abgefuckte Afterhour, abgefuckte Motherfucker, grauer Sound, schwüle Brise, wie ein Kaiser sitze ich jetzt auf diesem meinem Thron, dem chilligen Chefsessel früh um sechs, und betrachte das absolut kaputte Szenario. Pulle umgefallen, Taste abgebrochen, los Schreibzellen, rührt euch, aufwärts und im Gleichschritt Marsch!

Die Sonne geht auf über der feuchten Hochebene von Cuernavaca, der Dampf aus den Palmenwäldern, unten bauen sie den Tianguis auf, den Wochenmarkt, unter blauen Planen errichten sie jetzt ihre Fleisch- und Obst- und Honigstände und während die Hühner auf die Hinterhöfe der Umgebung kacken schiele ich nochmal auf die Uhr. Doch, es stimmt. Absolute Unzeit. Samstag früh um sechs heisst es eigentlich Kater ausschlafen oder du hast es böse übertrieben.
Gleich wird das alles ein Level höher geschraubt, gleich setzt das Plärren ein, das Feilschen und Werben, gleich kreischen die Hühner in ihrem wildgewordenen Todeskampf, vor den Ständen drängen sich die Mütter und Töchter, und wie auch immer man sich durch das Gewirr windet – man reibt an Titten und Ärschen und der bronzenen Haut der Inkas und Mayas. Notiz an meine Sekreteuse: Werft Asche auf mein Haupt, jetzt erstmal nicht rausgehen. Viel zu gefährlich. Nachher bist du Vater.

Dann steigt die Sonne, dann explodiert dieser Markt, dazwischen die Clowns mit ihren Luftballons, die einbeinigen Bettler, die Tütenverkäuferinnen -”Drei Riesenmülltüten für zehn Pesos”, die zahnlose Hure, die einen Schluck schlechtbezahlten Spermas auf den Gehweg kotzt, die pissenden Straßenhunde, die Pick-Ups mit den Lautsprechern auf dem Dach – “Sie leiden unter Vergesslichkeit, Sie fühlen sich schwach? Sie sehen schlecht, sie furzen pausenlos? Kaufen Sie Fenobiol, das protobiotische Allheilmittel gegen abergläubische Hypochondrie, vollkommen überteuert und garantiert wirkungslos, jetzt in drei modischen Farben”. Mitten im Durcheinander steht ein vernarbter Alter und verkauft Axolotl aus dem Aquarium, gut für die Nieren meint er, vercheckt die Viecher raus auf den Dorfmarkt von Tejalpa, die Hausfrauen schlagen zu.

***

Gleich wird mir die Sonne das Hirn wegsengen, ich kann nicht glauben, dass ich noch immer wach bin, dass ich heute schon wieder in den Tropen aufwache, dass ich am frühen Morgen schwitze, gleich kommt der Sturzregen, eine undurchbrechbare Phalanx der Normalität baut sich auf den vollgemüllten Straßen des Provinzviertels auf, dann bebt es wieder, der Boden zittert, die Palmen wackeln und die Erde tippt dir kurz auf die Schulter, raunt: “Alter, wachwerden. Ich hau dir nämlich gleich die Fresse ein. Renn mal kurz.”
Die ständigen Erdbeben, erst mit der Zeit entwickelt man das Feingefühl für die 4er-Beben, das leichte Schwindelgefühl, das du erst am nächsten Tag nachlesen kannst. Du vibrierst halt mit hier in Mexiko, das ist das halbe Geheimnis. Die 4er spürst du. Ab den 6ern hast du ne gute Story. Währenddessen versuchst du nachts die Schüsse zu überhören und nicht immer auf die Bilder im Lokalteil zu schauen. Tote Köpfe turnen irgendwann ab. Aber jetzt schwirren sie da draußen rum, die Inkas und Rojos und Zetas und die Familie von Michoacán, die Tempelritter und das Sinaloa-Kartell, die bestialischen Bastarde, die Horden von Henkern, die korrupten Dorfbullen, das perverse Klima, die zitternde Erde, die Regenzeit, der Schnulzenterror im Radio, ja, gerade der, ich lass den Kopf in die Hände fallen, oh Gott Mann -fickt mich doch nicht so!
Brrr…
Lass denen ihren Raum, denke ich, und mach die verfickten Jalousien runter, mach dich locker, Alter, komm klar, komm runter Junge, alles okay Mann, chill ne Runde.

Stress mal nicht so.

Ist eh alles vorbei jetzt.

Alles easy.

Okay jetzt?

***

Das Blog ist tot.
Attacke Azteka ist abgestürzt.

***

“Besoffen schreiben, nüchtern gegenlesen.”, verriet Udo Lindenberg einmal das Rezept seines Erfolgs. “Attacke Azteka” beschränkte sich auf das einstufige Verfahren.
Ich frage mich immer wieder, wie Malcolm Lowry diesen ganzen Roman “Unter dem Vulkan” im Suff hatte schreiben können. Ich meine, ich schreibe ja ständig im Suff, nur im Suff und über den Suff schreibe ich, aber für diese zwei, drei Stunden am Tag, in denen ich verhängnisvoll über der Tastatur lehne, während der ganze Rest der Welt auf mich einschlägt – die Frau, die Freunde, die Sachzwänge – und dann das Rumliegen, das Ausharren, die bitteren Stunden der Leere, Kaputtheit, die Aberstunden in denen ich das Geschriebene wieder bereue und der ganze Kack hinterher, ich meine – wie bitteschön kann man heutzutage besoffen noch Literatur machen?

***

Anderthalb Jahre Mexiko habe ich hier mitgeschrieben, aus dieser deutschen Sicht, aus dieser dichten Sicht, und auch aus dieser deutschen Sucht. So war eben Mexiko von hier aus, von mir aus, krasses Land, krasse Zeit, kranker Text. Hätte man besser machen können.
Vielleicht habe ich diese Plattform ja gar nicht genug genutzt, vielleicht hätte ich viel mehr daraus machen können, viel mehr hätte ich versuchen können ans Limit zu gehen, die Schranken zu brechen, neue Styles rauszuhauen. Aber das waren eben diese anderthalb Jahre, hier stehen sie nun. Oft genug fiel mir nichts anderes ein, als mich mit einer Flasche Tequila vor den Bildschirm zu setzen und jeden kranken Gedanken loszuprotokollieren. Je mehr ich mich vollaufen ließ, desto mehr floss die Tinte aufs Papier. Das war das Konzept. Und hinterher paar Wörter kursiv stellen. Zwei wilde Jahre waren das in Mexiko, und ich hätte sie ohne den Musikexpress niemals so detailliert aufgeschrieben.

***

Etwas später lehne ich im Liegestuhl auf dem Balkon, Sohn steht auf einem Plastikstühlchen im Bad und spielt mit dem Wasserhahn, Frau blättert in einer Zeitschrift und ich lese “Der Klang der Familie”. Hat gestern Suhrkamp geschickt. Im Rechner läuft deswegen heute 89er Acid, daneben sind ein paar Seiten bei chefkoch.de auf. Ich habe vorhin nach einem Salatdressing mit Sesamöl gesucht. Heute Abend machen wir Ananas-Shrimp-Auflauf mit Erdnusssauce. Fünf Stockwerke unter uns planschen die Kinder im Pool, und gegenüber, auf der Terrasse des anderen Penthouses, da vögeln die Vögel, Mockingbirds schätz ich, und noch so kleine grüne Piepmatze mit rotem Hals. Im Garten unten schwirren die Kolibris und die Schmetterlinge.

- Und wenn ich dann wieder dran denk, dass erst vor drei Wochen die Bullen hier in der Wohnung standen, der eine mit ner Maschinenpistole, und mich mitnehmen wollten. Aber Bullen kommen und gehen.

Auf jeden Fall bin ich irgendwo angekommen, ich sitz jetzt hier oben, schau mir das alles an, Fakten sind geschaffen, Familie ist gegründet, die Sauferei kriegen wir auch noch irgendwie in den Griff und ansonsten: Natürlich kann geschrieben werden. Ich sag nochmal ganz nüchtern Tschüss, sagt die Line. Kein Blatt vor den Mund. Nur nen Schein vor die Nase.

Machts gut.

Kommentar schreiben
wolf sagt:

Och nööh, heißt das jetzt Airen schreibt nicht mehr hier?
Ich fände das ausgesprochen schade.

Leben in Buchstaben und Sätze zu verwandeln, das ist Kunst!

Wie geht das weiter?
Wo schreibt er dann?

loonyland sagt:

Das Konzept lief ganz gut aber wieso wurden die Bullen mit Maschinenpistolen nicht mehr hineingenommen? Wurdest
du endlich als El Jefe entlarvt? Solltest du wirklich auf hören airen wäre das allerdings nicht nur eine Frechheit, sondern auch
eine riesengroße Maßlosigkeit! Allerdings wird man mit dem Alter evtl. fauler als man denkt und vlt war dein Anspruch zu hoch oder die Nachfrage nach Absturz Texten zu stark. Der airen hinter diesen Texten ist sicherlich viel oder zumindest ebenso interessant wie die klar geliebten Texte über Drogen und Exzesse. Also machet jut airen und schreib hier falls du weiter schreiben sollst, irgendwie kann ich mir noch nicht vorstellen dass du es nicht doch weiter machen willst ;-)

gruß

sebastian

markus sagt:

ey nein.. :// überleg dir das bitte nochmal!

tarek sagt:

prost mein freund, gib mir fünf !

ibrocful sagt:

Hey Digga!Wenn du Probleme hast dann meld dich……..!

Deine Berichte aus Cuernavaca werde ich vermissen. Jetzt gehst weg von hier, ohne dass ich dich getroffen habe. Schade

Peter

frau katze sagt:

:* will miss you. chaotenkind. komm wieder, ja?

johannes sagt:

ist jetzt nicht dein ernst oder?
ich hoffe du hast die adresse von deinem neuen blog einfach nur vergessen mit dazuzuschreiben!
also wirklich wenn du hier aufhören solltest erwarten wir zumindest ein neues buch :)
machs gut und genieß die zeit
johannes

SKV sagt:

No seas cabron!

Baumfee sagt:

Du weißt gar nicht, was für eine Rolle Du bei manchen (mir auch) spielst, weil Du so wahnsinnig echt und flüssig schreibst. Ich MUSS jeden Tag nachsehen, ob Du was geschrieben hast – und wenn Du dann geschrieben hast, ist es fast ein Fest. Echt!

Ich kenne einige gute BlogschreiberInnen, aber keine-n wo ich jeden Satz gut finde, ja jedes Wort passt, an der richtigen Stelle steht.

tonyc sagt:

Gerade bin ich von der Beerdigung eines guten Freundes gekommen, der mit zwei Promille im Blut beschlossen hatte seine Harley durch die Nacht Berlins zu fahren. Ich dachte, das wäre Abschied genug.
Alles gute dir und deiner Familie. Bis hoffentlich irgendwann. Und danke für deine Worte.

maliena sagt:

Oh – wie – schade. Ich werde diesen Moment vermissen, in dem ich, während die Seite lädt, warte, ob es einen neuen Text zu lesen gibt. Und dann erst die Freude, wenn ja, und dann das große Einverständnis mit deinen Worten. Danke und alles Gute!

Do_it sagt:

“There he goes. One of God’s own prototypes. Some kind of high powered mutant never even considered for mass production. Too weird to live, and too rare to die.”

Hunter S. Thompson

Ccmon sagt:

Jetzt scheint er weg der Ort hinaus aus dem leben das man nie leben kann weil zu vernünftig …

ekne sagt:

Kein anderer Autor hat bislang so tiefe Zustimmung in mir geweckt. Wenn ich Deine Beobachtungen lese, dann habe ich ganz oft das Gefühl, genau zu wissen, was Du meinst. Leider habe ich in vielen Dingen nie die Konsequenz besessen wie Du. Lass Dir das Schreiben nie nehmen!

bomec sagt:

next step – ich gratuliere dir, airen!
pass auf dich auf!
wann skypen wir?

chris sagt:

Ich kann Baumfee nur bestätigen. Wenn du aufhörst zu schreiben dann fehlt mir ein wichtiger und schöner Teil meines Alltags. Freu mich jedesmal wenn ich einen neuen Text von dir finde. Deine Bücher habe ich in den letzten 6 Monaten jeweils 3 mal gelesen und bin immer wieder begeistert, weil ich mich einfach voll damit identifizieren kann und du es wie kein anderer beherrscht Gefühle und Zustände in die exakt passenden Worte zu packen.

Solltest du wirklich ein für alle mal aufhören, dann wünsche ich dir alles gute für dich, deine Familie und deinen weiteren Lebensweg. Insgeheim hoffe ich jedoch auf einen neuen Blog von dir!

LG Chris

wildromanitc sagt:

ach nein, du bist mein lieblingsblog, aber man kann es verstehen.

viel glück für die zukunft. und so.

tranquilo sagt:

Alter, mach keinen scheiss!! Kannste echt nicht bringen… LÄBSCH

Osado sagt:

Das klingt ja nach nem echten Abschiedsbrief, in jeder Hinsicht.
>die Sauferei kriegen wir auch noch irgendwie in den Griff <
LOL. Oh Selbstbetrug ich hör dir zwitschern.
Komischer Weise stirbt der Suffmythos von "kreativer" "Suffkunst" nie aus. Ohhhhh wie ich schon meine eigene Kaputtheit auf "Come Undone" von Robbie Williams gefeiert habe ! Selbstmitleid und Größenwahn – böse Mischung.
Ich erzähl dir nix. Im Grunde weißte was du tun kannst. Ich hoffe nur nicht, dass in deiner Verzweifelung suizidale Gedanken in dir aufkeimen – das ist kein Quatsch – das ist n natürlicher Verlauf, leider.
Airen, hauste.

yoda sagt:

schreiben du musst.

Andreas T. sagt:

Was hat Airen über Bomec geschrieben:”Wart ein paar Monate,der hält´s erfahrungsgemäß nicht lange aus.”
Also die community auf Entzug,hart aber wohl unvermeidlich.

kurt sagt:

um zu sagen was mensch denkt ,aber fühlt
wenn die sonne aufgeht oder unter
wo bin ich
ich habe deine mitunter streetlifestorys gemocht
was interessiert den leser bin ich heute blau oder noch immer
das wichtige verschweigt uns der vortrünnige leser
er tut es nur so
um zu erkennen was es heisst

sich hinzusetzen und …
zu sagen alles ist alles..hihi

das war doch nur ein vorspiel

geh ma ins detail ..junge..

du schaffst das..

mfg kurt

sauf doch..hihi

Dann war das letzte Lebenszeichen wohl das vorletzte und das das letzte. Auf jeden Fall kann ichs verstehen, war selbst schon mal soweit. Bin dann aber draufgekommen, dass es ohne auch nicht geht. Zumindest für sich selbst kann man es ja weiter praktizieren.
Wünsch dir alles Gute, bei wasauchimmer, es wird schon so passen, wie du dich entscheidest.

Honig Kuchen

-.- sagt:

jetzt hörst du also auch auf.
wie du selber sagtest “ich hoffe, du machst weiter” und wenn es nur im stillen kämmerlein ist.

WELLENPENSINATOR sagt:

SCHREIBST DU DEIN ERSTES (ECHTES) BUCH?

500beine sagt:

ich hab im leben noch keinen guten satz besoffen hingekriegt. oder auf anderen drogen. auf heroin lässt sich schlecht schreiben, weil da alles fern ist, was nah sein müsste, auf kiff ist man zu durcheinander. vielleicht ist das schöne am schreiben, dass schreiben an sich einen rausch erzeugt. wenigstens da braucht man nichts drin zu haben.

tonyc sagt:

Schoener Text. Schoene Zeit. Danke. Und viel Glueck.